Schon vor dem "Anschluss" war die Nachfrage nach rotem Stoff, Fackeln und Fahnen von den Geschäften kaum zufriedenzustellen. Als Adolf Hitler am 3. April sein Versprechen einlöste und in einem Triumphzug, begleitet von einem Aufgebot von 20.000 Soldaten, Polizisten, SA- und SS-Männern durch Graz fuhr, kannte die Euphorie keine Grenzen. Sonderzüge brachten zehntausende Steirer nach Graz.

Der Glaube an Schutz

Von da an häuften sich die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung. Durch Maßnahmen wie Berufsverbote, Arisierungen von Geschäften und dem Ausschluss von jüdischen Schülern aus öffentlichen Schulen versuchte das Regime, die jüdische Bevölkerung zur Emigration zu zwingen. Die Zahl derer, die vor 1938 auswanderten, war noch relativ gering. Im Mai 1939 waren von einst 2300 Juden aber nur noch etwa 600 in der Steiermark, vor allem Frauen und Kinder. Walter Goldbergers Mutter glaubte, durch eine Rekonvertierung zum römisch-katholischen Glauben das Schlimmste verhindern zu können. Goldbergers Vater war indessen wie viele steirische Juden nach Jugoslawien geflüchtet.

"Alle anderen sind emigriert, plötzlich war keiner mehr da. Ich war ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Mein Vater war auch weg, geflüchtet nach Agram (Zagreb, Anm.), wo eine Schwester von ihm lebte. Meine Mutter hatte geglaubt, da sie jetzt wieder römisch-katholisch war, da kann dem Buben nix passieren und meiner kleinen Schwester auch nicht. Es ist aber dann ganz anders gekommen. Für die Nationalsozialisten war sie schlimmer als eine Jüdin, denn sie hatte ,Rassenschande‘ begangen."

Für Walter Goldberger und seine jüngere Schwester wurde die Lage als "Volljuden" von Tag zu Tag gefährlicher. Der Vater der Kinder hatte die Mutter vor seiner Flucht noch ermahnt, die beiden, wie mehr als 10.000 jüdische Kinder, mit einem Kindertransport nach England zu bringen, doch die Mutter lehnte dies ab und versuchte die beiden Kinder auf dem Land zu verstecken.

"Meine Mutter ist dann von der Gestapo verhaftet worden und wurde ausgefragt, mit Watschen, wo ihre Kinder seien. Meine Schwester ist nach Oberfellach gekommen zu entfernten Verwandten. Dort ist es ihr nicht so gut gegangen, dort war sie bei einer strengen und fanatischen katholischen Frau. Ich konnte dann nirgends mehr unterkommen und kam zu einem Bauern nach Kalsdorf (knapp 15 Kilometer südlich von Graz, Anm.), dessen Familie mit meiner Mutter befreundet war. Der wollte mich sogar adoptieren, aber das wollte meine Mutter nicht. Dort bin ich dann auch zur Schule gegangen. Eines Tages musste ich zum Direktor. Er saß mir gegenüber und schüttelte nur den Kopf. Ich dachte schon, ich hätte schlechte Noten gehabt. Doch dann sagte er: ,Buberl, Buberl, du tust mir leid, aber deine Papiere stimmen nicht. Ich hab’ dich eh schon so lange hierbehalten, aber ich kann das nicht mehr länger.‘ Das war ein Nazi in einer SA-Uniform, wenn der bei der betreffenden Stelle angerufen hätte, wäre es aus gewesen mit mir. Der hat mir praktisch das Leben gerettet.

Mit einem Milchlaster bin ich dann nach Weiz gekommen. Der Bauer dort hat mir zur Begrüßung seine riesige Hand gegeben und gesagt: ,Bua, wir werden uns schon vertragen.‘ Von dort bin ich aber dann auch wieder weg und wieder zu einem anderen Bauern und wieder zu einem anderen. Eines Tages kam meine Mutter, ich habe gerade am Feld gearbeitet. Sie stand vor mir, kreidebleich, und sagte: ,Geh ja nicht auf die Straße, die Gestapo sucht dich schon wieder.‘

Zeitzeuge Walter Goldberger erzählt seine Geschichte: "Ich habe jahrzehntelang geweint, jetzt will ich nicht mehr." - © Pock
Zeitzeuge Walter Goldberger erzählt seine Geschichte: "Ich habe jahrzehntelang geweint, jetzt will ich nicht mehr." - © Pock

Die Leute sind oft stutzig gewesen und haben gefragt: ,Wo ist denn der Bua her?‘ Wenn die das gewusst hätten, wäre es gefährlich für mich geworden - und auch für die Bauern, bei denen ich gelebt habe. Wenn das rausgekommen wäre, hätte man die wahrscheinlich gleich am Misthaufen erschossen. Ich als Bub war mir der ganzen Sache nicht richtig bewusst. Ich hatte die ganze Härte und Brutalität des Dritten Reichs nicht gekannt. Über das Ganze geredet haben die Bauern ja auch nicht."

Als der Krieg vorbei war, ist Walter Goldberger wieder zurück zu seiner Mutter nach Graz gekommen. Laut einem Bericht der Israelitischen Kultusgemeinde vom März 1946 waren bis zum damaligen Zeitpunkt erst 18 steirische Juden wieder zurückgekehrt. Auch Karl Goldberger, Walter Goldbergers Vater, kam, nachdem er in einem Zwischenlager interniert war, im Jahr 1946 wieder nach Graz.

",Mama tot, Zora tot‘, hat er damals gesagt und zu weinen begonnen, mehr hat er nicht mehr herausgebracht. Meine Großmutter und meine Tante sind beide in Treblinka vergast worden. Ich habe jahrzehntelang geweint, jetzt will ich nicht mehr. Ich bin aufgewachsen in der sogenannten ,Systemzeit‘, das war eine fürchterliche Zeit. Für einen Maulhelden wie Hitler war es ein Leichtes, nach oben zu kommen. Er hat die Kinderbeihilfe eingeführt, hat die Reichsautobahn gebaut, er hat gerüstet und von den anderen Ländern auch noch Geld zusammengeholt. Die Leute hatten auf einmal einen höheren Lebensstandard. Ich verurteile sie nicht, sie wussten ja nicht, wie das Ende ausschauen wird."

Die jüdische Gemeinde in Graz zählt heute etwa hundert Mitglieder. Auf dem Platz der ehemaligen Synagoge steht am heutigen David-Herzog-Platz 1, benannt nach dem ehemaligen Rabbiner, seit 2000 eine neue Synagoge.