Mit dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 begannen die Nationalsozialisten, die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. - © Corbis
Mit dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 begannen die Nationalsozialisten, die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. - © Corbis

Mit dem Anschluss am 12. März 1938 hörte Österreich zu existieren auf und gliederte sich – unter Druck, aber ohne Widerstand zu leisten – in das nationalsozialistisch regierte Deutsche Reich ein. Am selben Tag und noch am Vorabend traten die bis dahin illegal organisierten österreichischen Nationalsozialisten öffentlich auf und begannen die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. Nicht geringe Teile der Zivilbevölkerung schlossen sich der NS-Euphorie, der sadistischen Gewalt und missgünstigen Gemeinheit an. Unter der Oberfläche von politischer Propaganda und ziviler Bewegung begann eine beispiellose Beraubung, Drangsalierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Sie wurde aus fast allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens gedrängt und der unvermeidlichen Verelendung ausgesetzt.

Die Verfolgung zielte, solange die Grenzen der Nachbarländer offen waren, auf die Vertreibung aller Juden und Jüdinnen aus dem Deutschen Reich ab – unter Zurückhaltung des größtmöglichen Teiles ihres Vermögens. Bei den Betroffenen führte das zu verzweifelten Anstrengungen um Selbstbehauptung, die bald nur noch in der Flucht bestand, und zu stark vermehrten Selbstmorden. Mitunter, aber viel zu selten, wurden die Verfolgten auch von nicht-jüdischen Österreichern unterstützt.

Die jüdische Gemeinde "Sechshaus" war von diesen Ereignissen gleichermaßen betroffen wie ganz Österreich. Die Bewohner wurden aus ihren Wohnungen verdrängt und in Sammelwohnungen konzentriert, zuerst noch in derselben Umgebung. Später wurden jene, denen die Flucht nicht gelang, in den 2. Bezirk umgesiedelt, von wo sie in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Die Kinder wurden aus ihren Schulklassen in jüdische Sammelschulen gezwungen, fast alle Juden und Jüdinnen verloren ihre Arbeit, ihr Besitz wurde geplündert und unter dem juristischen Deckmantel der "Arisierung" meist schamlos geraubt.

Erika Kaufman mit ihrer Mutter auf dem Schiff nach Shanghai, 1939. - © Verein coobra
Erika Kaufman mit ihrer Mutter auf dem Schiff nach Shanghai, 1939. - © Verein coobra

"Arisierung"
Nach der NS-Diktion bedeutete "Arisierung" die Überführung von "jüdischem" in "arischen" Besitz. Der Vorgang betraf alles, was irgendwie von Wert war. Im Fall des Einzelhandels war er für die Öffentlichkeit am deutlichsten sichtbar, nachdem die Geschäfte vor aller Augen von Nazis beschmiert, verwüstet und geplündert wurden. Doch betrafen Arisierungen alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche von Mietrechten, dem Privatbesitz, Gewerbe- und Industriebetrieben bis zu Urheberrechten etc. Überwiegend handelte es sich um eine "legal" gedeckte Form des Raubes, also um Zwangsverkäufe unter extremen Bedingungen oder um gewaltsame Aneignung, die nicht geahndet wurde. Privatpersonen machten sich ungefragt zu Kommissaren von jüdischen Geschäften und Betrieben und lenkten die weiteren Vorgänge nach ihren Bedürfnissen, oder sie bedienten sich einfach in der Nachbarwohnung. NS-Funktionäre und parteinahe Personen nutzten ihre Position dabei leidlich aus. Einige Monate nach dem "Anschluss" versuchten die NS-Behörden die Arisierungen besser zu kontrollieren, um die individuelle Bereicherung einzudämmen und den Besitz dem NS-Staat einzuverleiben. Die Erlöse, die Juden und Jüdinnen erhielten, wurden in der Regel auf ein Sperrkonto übergeführt, über das sie nicht verfügen konnten. Sondersteuern wie die "Reichsfluchtsteuer" taten das ihre zur möglichst restlosen Enteignung der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner.