Ungefähr 4000 von etwa 185.000 Juden und Jüdinnen, die 1938 in Wien gelebt hatten, erlebten hier die Befreiung. Die meisten von diesen lebten mit einem nicht-jüdischen Ehepartner oder waren nach den Begriffen der Nürnberger Rassengesetze "jüdische Mischlinge ersten oder zweiten Grades". Sie wurden nicht grundsätzlich deportiert, doch war auch das für niemanden klar. Es wurde für Teilgruppen unterschiedlich und mitunter vollkommen willkürlich gehandhabt.

Auch "Halbjuden" oder mit Nicht-Juden Verheiratete lebten Jahr um Jahr, Tag um Tag in derselben permanenten Angst wie alle anderen hier verbliebenen Juden und Jüdinnen, von denen fast alle deportiert und ermordet wurden.

Nach 1945 siedelte sich in den südwestlichen Außenbezirken keine jüdische Gemeinde mehr an. Vereinzelte jüdische Bewohner waren nur auf eine gesamte Wiener Gemeinde mit ihrem Zentrum in der Seitenstättengasse und weiteren Infrastrukturen im 2. Bezirk bezogen. Eine Episode jüdisch-gesellschaftlichen Lebens in dieser Region kam lediglich dadurch zustande, dass in dem Gebäude in der Storchengasse 22, das in Rechtsnachfolge des bis 1938 hier ansässigen Bethausvereins an die Israelitische Kultusgemeinde Wien restituiert wurde, in den Jahren 1955- 74 der Haschomer Hazair sein "Nest" (hebräisch: Ken) hatte. In der linkszionistischen Jugendorganisation erfuhren viele der heute bekannten jüdischen Intellektuellen Wiens ein Stück ihrer Sozialisation.

Erinnerung und Erinnerungsarbeit
Die Entrechtung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Wien war endgültig. Die Vertriebenen konnten zwar physisch nach Wien zurückkehren, aber das konnte nie ein Anschließen an die Zeit vor 1938 sein. Dennoch unterhielten die Vertriebenen in all den Jahrzehnten, die seither vergingen, eine intensive innere und äußere Verbindung mit dem Land ihrer Herkunft und mit der Stätte, an der ihr Leben eine katastrophale Wende genommen hatte. Manche brauchten Jahrzehnte, um eine erste Rückkehr zu wagen; andere konnten die innere Barriere nie überwinden. Aber alle nahmen etwas von "ihrem" Wien mit: in der Sprache, in kleinen kulturellen Gewohnheiten oder in den musikalischen Vorlieben. Gerade aber den positivsten Erinnerungen an Wien und Österreich haftete immer etwas Ambivalentes durch den tiefen Bruch, der ein Anschließen an diese guten Erlebnisse ein für allemal ausschloss, an.

Das Projekt "Herklotzgasse 21" traf die Überlebenden dieser Gemeinde in einem Alter an, als die Auseinandersetzung mit den in Wien verbrachten Kindheits- und Jugendjahren eine neue Intensität erreichte. Manche von ihnen begannen einander zu suchen. Chava Kopelman hängte beispielsweise ein Foto von ihrem Jahrgang des jüdischen Kindergartens aus dem Jahr 1935 am österreichischen Konsulat auf das schwarze Brett – mit der Frage, wer sich darauf selbst oder andere erkenne und mit der Bitte um Kontaktaufnahme. Für die Suche nach Zeitzeugen und das forschende Fragen hätte es also keinen besseren Zeitpunkt geben können. Einer Generation von Österreichern angehörend, die in die Verbrechen der NS-Zeit nicht verstrickt waren, wurden die Projekt-Initiatoren mit offenen Armen empfangen und es bereitete den israelischen Alt-Österreichern sichtlich Freude, ihre Erinnerungen zu teilen.

Die Interviews in stunden-, mitunter ganze Tage lang währenden Sitzungen waren von extremer Gefühlsintensität und mit Hilfe des Jewish Welcome Service gelang es, die meisten Interview- Partner zur Ausstellungseröffnung 2008 nach Wien zu bringen. Welche Tiefe des Austausches, des Vertrauens und der Freundschaft dabei entstehen würde, war aber nicht sofort zu begreifen. Es war angesichts der Unwiederbringlichkeit und traumatischen Fortdauer der Verluste von Eltern, Großeltern, Geschwistern, Freunden in der NS-Vernichtungsmaschine beinahe beschämend, wie große Bedeutung die Überlebenden der rein symbolischen Arbeit des Projektes beimaßen und bis heute beimessen. Erst nach und nach verstanden die Initiatoren des Projektes, dass das offene, respektvolle und kreative Darstellen der Erinnerungen und Relikte dieser jüdischen Gemeinde am Ort der Kindheit, der familiären und kulturellen Wurzeln etwas sehr tief in den Seelen der Überlebenden berührte. Wenn es auch nichts beruhigen konnte – leider in einigen Fällen sogar eine weitere seelische Unruhe erzeugte –, so konnte es doch einen gewissen Bogen schließen, hier in Wien wieder willkommen zu sein und einen öffentlich sichtbaren Platz der Erinnerung eingeräumt zu bekommen. Dieser "sinnvolle" Bogen kann wenigstens koexistieren neben dem zutiefst Sinnlosen, Sinnentstellten und Menschen-Entstellenden der NS-Gewalt.