Projektion: So hat er ausgesehen, der Tempel im achten Bezirk in Wien. - © www.verlorene-nachbarschaft.at
Projektion: So hat er ausgesehen, der Tempel im achten Bezirk in Wien. - © www.verlorene-nachbarschaft.at

In einer engen Gasse im 8. Wiener Gemeindebezirk, Kopfsteinpflaster, schmaler Gehsteig, ist die Angst fast greifbar. In der Innenstadt rumpeln Lastwagen die Straßen entlang, Robert Rosner, vierzehn Jahre alt, ehemals wohnhaft in der Josefsgasse, Hausnummer 7, Türnummer 7, im 8. Bezirk, schaut sich das Spektakel an. Zu Hause – das ist jetzt Untere Augartenstraße, Ecke Förstergasse, 2. Bezirk – läuft am Abend das Radio, rauschend erklärt ein Mann sich geschlagen. Der Vater sagt: "Hier werden wir nicht bleiben können." Wenige Monate später, die Blätter sind gefallen, die Unabhängigkeit auch, entlädt sich der Grund der Angst, ein großes Gebäude in der kleinen Gasse im 8. Bezirk fällt dem Hass zum Opfer.

Hans Litsauer ruft gerade einem vorbeifahrenden Radfahrer hinterher: "Hey, hast du einen Starkstromanschluss?" Der Radfahrer bremst, er ist der Nachbar von Litsauer, wohnhaft Neudeggergasse 1. Die Männer unterhalten sich, sie stehen auf demselben Kopfsteinpflaster, alles sieht gleich aus und doch ganz anders als in jener Nacht. Nur mehr eine kleine bronzene Plakette auf der schmutziggrauen Hausmauer des Gemeindebaus erinnert daran, dass hier, in der Neudeggergasse Nummer 12, einst eine Synagoge zerstört wurde. Vor fünfzehn Jahren haben Litsauer, Neudeggergasse 1, und Käthe Kratz, Neudeggergasse 14, dafür gesorgt, dass ein zweites Schild angebracht wird. Darauf steht: "Einst vertriebene, jetzt wiedergefundene Nachbarn."

Robert Rosner ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder nach Wien zurückgekehrt. - © Mara Simperler
Robert Rosner ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder nach Wien zurückgekehrt. - © Mara Simperler

Dass hier vor den Novemberpogromen des Jahres 1938 eine Synagoge war, ein Tempel, wie man die großen jüdischen Gotteshäuser damals nannte, wussten die beiden lange nicht. Ein Nachbar, der immer auf einer Parkbank saß und die Eingänge der Häuser zeichnete, skizzierte eines Tages auch die zerstörte Synagoge. So erfuhr Litsauer von der Vergangenheit seiner Gasse. Heuer findet zum dritten Mal eine Veranstaltung statt, die an die Vertriebenen, an die verlorenen Nachbarn, erinnern soll. Es wird eine kleine Veranstaltung, nicht so wie vor fünfzehn Jahren, als für das Projekt "Verlorene Nachbarschaft" der zerstörte Tempel kurz wieder in der Neudeggergasse zu sehen war.

Es ist ein kalter Herbsttag und Hans Litsauer erzählt von der Kraft, die ihn vor fünfzehn Jahren antrieb, ein Stück der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen: "Es war Neugierde, ich wollte wissen, was damals passiert ist. Ich selbst habe keinen jüdischen Hintergrund, genauso wie die meisten anderen Organisatoren. Es war einfach ein Projekt von Nachbarn, die sich auf die Suche nach ihren verlorenen Nachbarn gemacht haben. Wir wollten die Chance haben, diese Geschichten authentisch zu hören." Die Idee des ersten Projekts ist es, die Fassade der Synagoge in Form einer Plane für einige Zeit wieder auf der Neudeggergasse 12 sichtbar zu machen. Außerdem sollen Veranstaltungen stattfinden, Leute, die früher hier gewohnt haben, sollen kommen und ihre Geschichte erzählen. Die Filmemacherin Käthe Kratz fährt nach Argentinien, nach Israel und in die Vereinigten Staaten auf der Suche nach ehemaligen Grätzlbewohnern. Für einen anderen verlorenen Nachbarn müssen die Veranstalter nicht so weit fahren: Robert Rosner, der vor den Nazis nach Manchester geflüchtet ist, ist einer der wenigen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind.