Wien. In der Pazmanitengasse 6 stand bis 1938 die Vereinssynagoge "Am Volkert", in der Zirkusgasse 22 die Synagoge der Türkischen Israeliten (also der damaligen sefardischen Gemeinde Wiens), in der Tempelgasse 3 der große Leopoldstädter Tempel. Doch rund um den 9. November 1938 steckten die Nationalsozialisten Synagogen und jüdische Bethäuser in Brand. Die traurige Bilanz der Wiener November-Pogrome: 30 Menschen wurden getötet, 42 Synagogen zerstört. 6547 Jüdinnen und Juden wurden verhaftet, mehr als 4000 von ihnen nach Dachau deportiert. Der Stadttempel in der Seitenstettengasse überdauerte als einzige Wiener Synagoge die NS-Zeit.

Die Kulturkommission der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG.Kultur) erinnert am Sonntag mit Lichtinstallationen an die Nächte und Tage der Zerstörung von 1938. Unter dem Titel "Nacht der erhellten Synagogen" wird an 16 Plätzen im 2. Bezirk, an denen einst Synagogen oder Bethäuser standen, ab 17 Uhr ein Lichtstrahl den Himmel erhellen. Es werden Mahnwachen abgehalten, etwa in der Pazmaniten-, Zirkus- und Tempelgasse. In Letzterer findet ab 18.30 Uhr auch die Abschlussinstallation statt: Wie bereits im Vorjahr wird die Fassade des einstigen Leopoldstädter Tempels durch eine vor dem heutigen psychosozialen Zentrum Esra aufgespannte Bildrekonstruktion wieder zum Leben erweckt.

Erinnerung "wichtiger denn je"

Eine Lithografie von Rudolf von Alt des Tempels in der Tempelgasse 3.
Eine Lithografie von Rudolf von Alt des Tempels in der Tempelgasse 3.

Seit dem Sommer 2014 werde Europa wieder von einem neuen antisemitischen Schub erschüttert, bedauert Sonia Feiger, Mitglied der IKG-Kulturkommission und Initiatorin des Gedenkevents. "Aber", sagt sie: "1938 darf nie wieder passieren. Wir können und dürfen die Vergangenheit nicht ruhen lassen, wenn in Europa wieder moralische Grenzen überschritten werden und das Wort Saujud auf Auslagen jüdischer Geschäfte geschmiert wird." Feiger zitiert hier aus dem Talmud: "Jeder Einzelne soll sich sagen: Für mich ist die Welt erschaffen worden, daher bin ich mit verantwortlich."

Auch IKG-Präsident Oskar Deutsch betont: "Was in jenen Novembertagen geschehen ist, hatte sich schon lange davor abgezeichnet und wäre mit entschlossenem Handeln von Politik und Gesellschaft zu verhindern gewesen." In Europa seien die jüdischen Gemeinden heute mit einer seit der Shoa für undenkbar gehaltenen Welle neuen Antisemitismus konfrontiert. Die Erinnerung daran, wie und wo die systematische Vernichtung des europäischen Judentums begann, sei daher "wichtiger denn je".