Die heilige Stadt Kairouan thront direkt vor den Toren Saharas

Weiter südlich im Land scheint Frankreich hingegen am ersten Blick ganz weit weg. Das alte Kairouan, die heilige Stadt, thront hier direkt vor den Toren der Sahara. Seit spätestens Dezember des Vorjahres fühlt es sich hier jedoch irgendwie medial entheiligt an, durch manch direkte Bezugnahme zum traumatischen Anschlag im Herzen der deutschen Bundeshauptstadt. Es könnte wirklich ein Traum von 1001 Nacht sein, der das Stadtbild dominieren könnte. Die Masse an arbeitsloser Jugend an diesem Ort, und jetzt auch noch der Attentäter von Berlin, der gerade aus dieser Gegend kommen musste, bilden bedauerlicherweise den Stoff zu mehreren tausend Albträumen.

Die europäische Öffentlichkeit weiß, in dem Kopf von zumindest einem von hier schlichen sich radikale Ideen ein. Oder stießen diese erst, wie seine Eltern beteuerten, mit seinem angeblich zerplatzten europäischen Traum auf fruchtbaren Boden? Und wie es scheint, finden jetzt wir uns wieder in dem Reigen der Geschichte. Ganz so, als würde sich die Geschichte schicksalsträchtig wiederholen, blickt man von hier wieder auf Europa - und umgekehrt. Während das dem Westen die nächste Zukunft vermutlich stark beschäftigen wird, bleibt als Einzelperson abzuwägen, ob die nun zu führende Debatte denn im Kontext der schweren wirtschaftlichen Lage der bilingualen tunesischen Jugend wirklich so betont religiöser Natur zu sein hat.

Arabischer Kaffee, tunesischer Minztee, importiertes alkoholfreies - vor allem französisches, und jetzt also wieder zurück zur einleitenden Widersprüchlichkeit - Bier: Die in Kairouan lebende Jugend sitzt bis in die späten Abendstunden verteilt auf viele Stühle in den vielen Cafés nicht auf dem Trockenen. Obwohl die brisant zu nennenden Themen bewusst ausgespart werden, geht der Gesprächsstoff nicht aus. Glücklicherweise gibt es hier ausgeprägten Sinn für Humor und stilvolle Gesprächskultur, die angeregten Gesprächsfluss bis in die späten Abendstunden ermöglichen.

Großes eisernes Schweigen am Rückweg

Auf das große eiserne Schweigen treffe ich dann erst am Rückweg nach Tunis. Leidend und wortkarg verewigt, das hervorstechende Graffiti wirkt auf das Auge des Betrachters wie der stillste aller Appelle. Das Männchen in der Nähe des Bahnhofs der Hauptstadt, das sich Schweigen auferlegte, und dem nicht mal Hände gebunden sind, weil es gar keine hat.

Ist das der wahre Spiegel der arabischen, zumindest tunesischen, Jugend? Es soll dahingestellt bleiben, ob dieses Männchen für sich selbst, für eine bedeutende Mehrheit oder für eine unbedeutende Minderheit spricht, richtigerweise: schweigt. Eines steht schon fest: Sollte es in Zukunft irgendwann das selbstauferlegte Schweigen brechen, vielleicht dann sogar Ideen äußern, die die aufgeklärte westliche Gesellschaft schockieren, sollte gerade diese vorbereitet sein. Nein, natürlich nicht mit Waffenpräsenz. Sondern einzig und allein mit ihren eigenen - überzeugenden - Antworten und Ideen. Denn, so lautet das Fazit des englischen Buchs im obig erwähnten Buchladen, eine Idee destruktiver Art kann man nicht "bekämpfen". Sie lässt sich höchstens ablösen, schlicht und ergreifend mit nichts anderem als: der besseren Idee.