Wien. Wann, wenn nicht jetzt, sei die Zeit für ein tiefgreifendes Umdenken und für Reformen in Wirtschaft und Finanzwesen gekommen? Das ist die unverkennbare Botschaft der am 29. Juni unterfertigten und am 7. Juli veröffentlichten Enzyklika "Caritas in veritate" (Liebe in Wahrheit).

Wörtlich schreibt Papst Benedikt XVI.: "Die Krise verpflichtet uns, unseren Weg neu zu planen, uns neue Regeln zu geben und neue Einsatzformen zu finden, auf positive Erfahrungen zuzusteuern und die negativen zu verwerfen."

Offensichtlich hat der Papst das schon seit dem Herbst 2008 erwartete Dokument, das in 79 Punkte gegliedert ist, unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise weitgehend umgearbeitet. Als "rechtes Wort zur rechten Zeit" - so der von dem Text sichtlich beeindruckte Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, bei der Präsentation der Enzyklika in Wien - wurde das Lehrschreiben just knapp vor dem G8-Gipfel in Italien und drei Tage vor dem Treffen des Papstes mit US-Präsident Barack Obama veröffentlicht.

Fest in der Tradition der katholischen Sozialschreiben stehend - vor allem auf "Populorum progressio" von Paul VI. und Texte von Johannes Paul II. nimmt Benedikt XVI. Bezug - stellt der Papst den Menschen als Abbild Gottes in den Mittelpunkt und vor die Wirtschaft. Deren Krise, aber auch die vielen anderen Probleme auf dem Globus, nimmt er zum Anlass, nach einer "echten politischen Weltautorität" zu rufen:

"Eine solche Autorität muss sich dem Recht unterordnen, sich auf konsequente Weise an die Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität halten, auf die Verwirklichung des Gemeinwohls hingeordnet sein, sich für die Verwirklichung einer echten ganzheitlichen menschlichen Entwicklung einsetzen, die sich von den Werten der Liebe in der Wahrheit inspirieren lässt. Darüber hinaus muss diese Autorität von allen anerkannt sein, über wirksame Macht verfügen, um für jeden Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten."

Mahnung zum Handeln
Die Enzyklika ist eine Mahnung zum Handeln: "Wir dürfen nicht Opfer sein, sondern müssen Gestalter werden, indem wir mit Vernunft vorgehen und uns von der Liebe und von der Wahrheit leiten lassen."

Die Enzyklika spannt einen weiten Bogen, kaum ein wichtiges soziales oder wirtschaftliches Thema wird ausgeklammert, auf einige geht der Papst besonders deutlich ein, etwa die Frage der Verteilung von Vermögen, indem er Johannes Paul II. zitiert und feststellt: "Der ‚Skandal schreiender Ungerechtigkeit‘" hält an."

Benedikt XVI. liegt es fern, Markt, Unternehmertum, Kapitalismus oder Globalisierung grundsätzlich zu verurteilen, es komme immer darauf an, was man daraus mache. Deutlich verlangt er allerdings mehr Kontrolle und mehr Gerechtigkeit für die ärmeren Länder, insbesondere bei der Verwertung von Ressourcen und Energiequellen.

Und Kritik übt er an Überzeugungen, die moralische Kriterien außer Acht lassen und Menschen dazu drängen, "das Werkzeug der Wirtschaft sogar auf zerstörerische Weise zu missbrauchen". Denn: "Langfristig haben diese Überzeugungen zu wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Systemen geführt, die die Freiheit der Person und der gesellschaftlichen Gruppen unterdrückt haben und genau aus diesem Grund nicht in der Lage waren, für die Gerechtigkeit zu sorgen, die sie versprochen hatten."

Eine "Wertschöpfung"
"Caritas in veritate" sei ein sehr realistisches Dokument, das keine grobe Schelte für irgendjemanden enthalte, sondern einen offenen Dialog in Gang setzen wolle, betonte Kardinal Schönborn. Es gehe um den "Mehr-Wert" des Zusammenlebens, um die Verbesserung der von der Globalisierung geprägten Situation der Wirtschaft im Zeichen eines besseren Miteinanders. Das Dokument sei eine echte "Wertschöpfung", meinte der Finanzexperte Wilfried Stadler, gerade jetzt habe die Wirtschaft einen fundamentalen Erneuerungsbedarf. Auch Michael Landau, Leiter der Caritas Wien, sieht in der Enzyklika zahlreiche positive Ansätze, etwa das Unterstreichen des Rechtes auf Nahrung und Wasser.

Auch aus Deutschland gab es bereits viel Zustimmung zur neuen Enzyklika. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, bekanntlich wie Karl Marx Autor eines Buches mit dem Titel "Das Kapital", würdigte sie als "moralisches Ausrufungszeichen".

Wissen: Katholische Soziallehre
Die katholische Soziallehre tritt für einen vernünftigen Ordnungsrahmen im menschlichen Zusammenleben ein. Ihre Pfeiler sind die Lehrschreiben (Enzykliken) der Päpste seit 1891 zu sozialen Themen, ihre Grundprinzipien sind **Personalität** (gleiche Würde aller Personen), **Solidarität** (Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwohl und der Gesellschaft für den Einzelnen) und **Subsidiarität** (was kleinere Einheiten effizient tun können, sollen ihnen größere nicht abnehmen). Betitelt sind Enzykliken nach den ersten Worten ihres lateinischen Textes. Vor "Caritas in veritate" (Benedikt XVI. 2009) sind bereit acht Sozialenzykliken erschienen.

"Rerum novarum" (Leo XIII., 1891): "Über die neuen Dinge" kritisiert die Lage der Arbeiter in der Industriegesellschaft, sie erinnere an ein "sklavisches Joch".

"Quadragesimo anno" (Pius XI., 1931): "Im vierzigsten Jahr" (nach "Rerum novarum") bekämpft scharf marxistische Ideologien und tritt für gerechten Lohn ein.

"Mater et Magistra" (Johannes XXIII., 1961): "Mutter und Lehrerin" bejaht den technischen und zivilisatorischen Fortschritt und verlangt Mitbestimmung und Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen.

"Pacem in terris" (Johannes XXIII., 1963): "Frieden auf Erden" macht das weltweite Gemeinwohl zum obersten Ziel politischen Handelns.

"Populorum progressio" (Paul VI., 1967): "Die Entwicklung der Völker" fordert Solidarität zwischen reichen und armen Ländern. Ungehemmter Liberalismus und Auswüchse des Kapitalismus werden verurteilt.

"Laborem exercens" (Johannes Paul II., 1981): "Über die menschliche Arbeit" betont den Vorrang des Menschen und der Menschenrechte im Produktionsprozess.

"Sollicitudo rei socialis" (Johannes Paul II., 1988): "Die Sorge über die soziale Entwicklung" kritisiert Blockbildung und "wahrhafte Formen von Götzendienst" gegenüber Geld, Ideologie, Klasse oder Technologie.

"Centesimus annus" (Johannes Paul II., 1991): "Das hundertste Jahr" (nach "Rerum novarum") steht im Zeichen der Lage nach dem Niedergang des Marxismus.