Vatikanstadt. Es ist vollbracht. Papst Franziskus hat am Sonntag seine beiden Vorgänger Johannes Paul II. (1978-2005 und Johannes XXIII. (1958-63) heiliggesprochen. Die Zeremonie auf dem Petersplatz fand vor circa einer Million in Rom anwesender Pilger statt. Die Menschenmenge jubelte, als Papst Franziskus die feierlichen Proklamationsformel zu Beginn des Heiligsprechungsgottesdienstes verlas.

Mega-Ereignis mit Pilgermassen

Damit wird der 27. April 2014 in die Kirchengeschichte eingehen. Denn an diesem Sonntag werden in Rom nicht nur zwei Päpste heiliggesprochen, es sind auch - bisher einmalig in der Kirchengeschichte - zwei lebende Bischöfe von Rom dabei: Franziskus, der die Heiligsprechungen (Kanonisierungen) vornimmt, und Benedikt XVI., sein emeritierter Vorgänger. Dazu kommen mehr als 130 Kardinäle, rund 1000 Bischöfe und 6000 Priester sowie natürlich zahlreiche prominente Gäste aus aller Welt, vor allem Politiker und Vertreter von Religionen und christlichen Konfessionen. Man erwartet mindestens 24 Staatsoberhäupter sowie aus 35 weiteren Ländern Delegationen, von denen die österreichische Vizekanzler Michael Spindelegger anführt.

Das Mega-Ereignis zieht nicht nur Pilgermassen nach Rom und kurbelt dort den Tourismus an, es ist auch ein Medienevent und Polit-Thema. Österreichische Cineplexx-Kinos bieten eine Live-Übertragung bei freiem Eintritt an. Im polnischen Parlament wurde heftig über eine schließlich mit Mehrheit beschlossene Resolution debattiert, in der "Dankbarkeit und Wertschätzung" für die Heiligsprechung von Johannes Paul II. geäußert wird. Abgeordnete der linken Opposition sahen darin einen Verstoß gegen die Trennung von Kirche und Staat.

Obwohl Päpste zu Lebzeiten "Heiligkeit" oder "Heiliger Vater" genannt werden, ist es keineswegs selbstverständlich, dass sie später als Heilige zu verehren sind. Das erfordert in der Regel einen langwierigen Prozess, bei dem meist eine Art Lobby das Verfahren betreibt und bei dem das ganze Leben einer Person auf dem Prüfstand steht. Der Heiligsprechung muss eine Seligsprechung vorangehen, für die - ausgenommen bei Märtyrern - ein auf die Fürsprache des Kandidaten erfolgtes Wunder nachzuweisen ist. Zur Heiligkeit bedarf es dann eines weiteren Wunders.

Im Fall von Johannes XXIII. hat Papst Franziskus die Heiligsprechung ohne Nachweis eines zweiten Wunders angeordnet, was sofort Kritik in konservativen Kreisen ausgelöst hat. Für diese hat Johannes XXIII. das aus ihrer Sicht negative Zweite Vatikanische Konzil zu verantworten. Beim radikal-konservativen Kirchenflügel kommt aber auch der in Lehrfragen sehr konservative Johannes Paul II. nicht gut weg, weil er im Dialog mit anderen Religionen (Stichwort: Friedensgebete in Assisi) zu weit gegangen sei und Reformen des Konzils - etwa in der Liturgie - nicht rückgängig gemacht habe. Auch sein Fall - Heiligsprechung neun Jahre nach dem Tod - stellt eine Ausnahme dar: Im Durchschnitt erfolgt die Kanonisierung erst 181 Jahre nach dem Ableben.

Heiligsprechungen von Päpsten kommen selten vor. Zwar gelten 52 der ersten 55 Bischöfe von Rom als heilig, aber auf die letzten 1000 Jahre entfallen, inklusive der beiden vom Sonntag, nur sieben. Eine davon betraf übrigens Cölestin V., jenen Papst, der 1294 - wie 2013 Benedikt XVI. - sein Amt niedergelegt hat. Der Dichter Dante Alighieri sah Cölestin freilich viel kritischer und verbannte diesen Papst in seiner "Divina Commedia" wegen seines Verzichtes in die Hölle.

Kirchenpolitik im Hintergrund


Mit Selig- und Heiligsprechungen wird auch subtil Kirchenpolitik gemacht und mitunter versucht, verschiedene Kirchenflügel zufrieden zu stimmen. Derzeit geht es in der Kirche um den Stellenwert des Zweiten Vatikanischen Konzils. Mit der gemeinsamen Seligsprechung der Konzilspäpste Johannes XXIII. und Pius IX. im Jahr 2000 durch Johannes Paul II. wollte man in Rom klarstellen: Das Erste Vatikanische Konzil, mit dem von Pius IX. verkündeten umstrittenen Unfehlbarkeitsdogma, und das Zweite Vatikanum gehören zusammen, das Erste ist durch das Zweite nicht aufgehoben. Jetzt, angesichts der blitzartig eingeleiteten Heiligsprechung von Johannes Paul II., war es Papst Franziskus, der klar die Linie des Zweiten Vatikanums vertritt, ein großes Anliegen, Johannes XXIII. auf jeden Fall mit einzubeziehen.