Die US-Luftwaffe sieht laut einem Strategiepapier zentrale Vorteile in der Zusammenarbeit mit Wissenschaftern in Österreich. - © MrVertigo/Fotolia; Gusto/Science Photo Library/Corbis; Air Force Research Laboratory/Faksimile
Die US-Luftwaffe sieht laut einem Strategiepapier zentrale Vorteile in der Zusammenarbeit mit Wissenschaftern in Österreich. - © MrVertigo/Fotolia; Gusto/Science Photo Library/Corbis; Air Force Research Laboratory/Faksimile

Wien. Mehr Transparenz und eine öffentliche Debatte über die Vergabe von Drittmitteln ist notwendig: Darin sind sich Uni-Rektoren, Studentenvertreter sowie einige Wissenschaftssprecher der Parteien einig. Damit reagieren sie auf den Bericht der "Wiener Zeitung" vom Mittwoch, wonach das Pentagon universitäre Forschung in Österreich finanziert. Durch die Recherche der "Wiener Zeitung" gemeinsam mit dem Radiosender "NDR Info" wurde bekannt, dass etliche Hochschulen und die ebenfalls öffentliche Österreichische Akademie der Wissenschaften seit 2009 fast neun Millionen Euro vom US-Verteidigungsministerium erhalten haben. An fast allen großen Universitäten kooperieren oder kooperierten Forscherteams mit dem US-Militär, sei es im Bereich der Quantenphysik oder der Krebsforschung. Die teils heftigen Reaktionen im Überblick:

"Klären, wo die Grenzen der Drittmittel zu ziehen sind"

"Es kann nicht sein, dass Militärs uns Forschungsschwerpunkte diktieren oder dass wir von militärischen Geldern abhängig sind", sagt Sigrid Maurer, Wissenschaftssprecherin der Grünen. Sie will in den kommenden Wochen eine parlamentarische Anfrage einbringen. Damit soll geklärt werden, "wo und wie die Grenzen der Drittmittelfinanzierung zu ziehen sind".

In Deutschland ist im November 2013 eine Debatte über mehr Transparenz bei der Drittmittelvergabe ausgebrochen, nachdem der Radiosender "NDR Info" und die "Süddeutsche Zeitung" aufgedeckt hatten, dass das Pentagon deutsche Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen finanziell unterstützt. Infolge dieser Berichte hat Andreas Karlsböck, Wissenschaftssprecher der FPÖ, im Dezember 2013 eine parlamentarische Anfrage gestellt, ob und in welchem Umfang das US-Verteidigungsministerium auch in Österreich Forschungsprojekte unterstützt hat. Nachdem nun der Bericht der "Wiener Zeitung" die vom US-Militär finanzierten Projekte zutage gebracht hat, sieht sich Karlsböck in seiner parlamentarischen Anfrage vom Vorjahr bestätigt. Die Beantwortung von Außen-, Wissenschafts- und Verteidigungsministerium bezeichnet er jedoch als "skandalös und falsch". So habe das Wissenschaftsministerium auf die Frage nach der Beteiligung staatlicher österreichischer Forschungseinrichtungen in amerikanische Militärprojekte geantwortet, dass es dazu aufgrund mangelnder Informationspflicht nichts wisse. Sollten die Ministerien tatsächlich keine Ahnung gehabt haben, sei das "ein Armutszeugnis", so Karlsböck. Dass es keine Informationspflicht gibt, ist für ihn "zumindest neutralitätspolitisch schwer bedenklich."

Nikolaus Scherak, Wissenschaftssprecher der Neos, sieht die Genehmigung von Drittmittelprojekten bei den autonomen Universitäten prinzipiell gut aufgehoben, für ihn sind weder strengere Vorgaben des Wissenschaftsministeriums noch die Einsetzung zusätzlicher Kommissionen notwendig. Er wünscht sich allerdings mehr Information zu Drittmittel-Aufträgen und sagt, die Unis sollten hier in eine Offensive gehen. "Man muss schon hinterfragen, was genau erforscht wird und was die Eigeninteressen der Auftraggeber sind." Das Pentagon als Auftraggeber heimischer Forschung habe zwar "einen fahlen Beigeschmack" und stimme ihn skeptisch. Wenn man aber wisse, was und zu welchem Zweck erforscht werde, finde er diese Form der Finanzierung nicht prinzipiell problematisch.

Die Grüne Wissenschaftssprecherin Maurer kündigt an, "alle parlamentarischen Instrumente zu nutzen", um das Thema im Wissenschaftsausschuss und ins Plenum einzubringen: "Es liegt in der Verantwortung des Gesetzgebers, für Transparenz zu sorgen und Mechanismen zu entwickeln, die die Unabhängigkeit der Wissenschaft sicherstellen." Karlheinz Töchterle, Wissenschaftssprecher der ÖVP, spricht sich ebenfalls für "größtmögliche Transparenz" aus, denn Drittmittel würden den Staat "keinesfalls aus seiner Verantwortung entlassen". Der ehemalige Wissenschaftsminister sieht betreffend öffentlicher und privater Finanzierung "kein entweder, oder" sondern "ein sowohl als auch".

Ausgaben in Österreich, die vom Pentagon bezahlt werden Akademie der Wissenschaften: Euro 5.631.425 Leopold Franzens Universität Innsbruck: Euro 1.260.830,76 Universität für Bodenkultur: Euro 949.788 Universität Wien: Euro 494.214 Medizinische Universität Wien: Euro 351.637 Technische Universität Wien: Euro 58.800 Tagungen: Euro 47.775 Akademie der Wissenschaften: Euro 5.631.425 Leopold Franzens Universität Innsbruck: Euro 1.260.830,76 Universität für Bodenkultur: Euro 949.788 Universität Wien: Euro 494.214 Medizinische Universität Wien: Euro 351.637 Technische Universität Wien: Euro 58.800 Tagungen: Euro 47.775 Drittmittel seien "ein Zusatz, kein Ersatz", sagt Töchterle. Zu den Drittmitteln aus militärischen Töpfen sagt er: "Dass Grundlagenforschung, die dies ihrem Wesen nach ja nicht intendiert, in Folge auch militärische Relevanz bekommen kann, sei schwer auszuschließen, das zeigen Beispiele seit Archimedes."

Jede wissenschaftliche Einrichtung sei "aufgerufen, die Rolle und Motive der Auftraggeber bei nicht-staatlich finanzierten Forschungsprojekten in ethischer Hinsicht zu prüfen", sagt Heinrich Schmidinger, Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz (Uniko) und thematisiert damit die grundsätzliche Problematik von Drittmitteln. Jeder Forscher und jede Forscherin müsste sich täglich dieser ethischen Verantwortung stellen, und größtmögliche Transparenz bei der Mittelvergabe sei daher "selbstverständlich". Gleichzeitig wehrte er sich dagegen, die Unis einerseits zur Einwerbung von immer mehr Drittmitteln aufzufordern und sie auf der anderen Seite "bei Gelegenheit dafür an den Pranger" zu stellen. Er betonte, dass nur durch ausreichende öffentlich-staatliche Finanzierung Autonomie und Unabhängigkeit der Unis garantiert seien. Die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) sieht die Pentagon-Gelder als Beleg für "die eklatante Unterfinanzierung der österreichischen Wissenschaft und Forschung", so ÖH-Generalsekretärin Julia Freidl.