Donald Tusk ist mehr Pragmatiker als Visionär. Eine Eigenschaft, die innenpolitisch ab und an bemängelt wird, verschaffte dem 57-Jährigen vor dem EU-Gipfel gute Karten für den Posten des EU-Ratspräsidenten. Der Liberale ist schon seit fast sieben Jahren Ministerpräsident in Polen - und zeigte lange kein Interesse an einem EU-Job. Schon 2012 hatte er den Posten als Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP) abgelehnt und damit erst den Weg für Jean-Claude Juncker freigemacht. Er setzte weiterhin auf eine innenpolitische Karriere in seinem Heimatland, dessen Hoffnungsträger er mit seiner rechtsliberalen Bürgerplattform (PO) so lange war. Inzwischen ist der Hype um ihn jedoch spürbar abgeflaut. Eine Abhöraffaire setzte der Reputation der PO zu, die Umfragewerte sind im Sinkflug. Bei der letzten EU-Wahl lag die Partei zwar noch knapp vor der nationalkonservativen Opposition PiS. Doch diese schloss sich nun mit den rechten Splitterparteien zusammen, was eine Niederlage der PO wahrscheinlich macht: Umfragen zufolge lag das rechte PiS-Bündnis Ende Juli elf Prozent vor der Bürgerplattform. Bei den Kommunalwahlen im November wird es für Tusks Partei also knapp. Und bis zu den Parlamentswahlen 2015 wird es schwer, den Ruf wieder aufzupolieren. Für Tusk wäre ein Amtsantritt als EU-Kommissionspräsident demnach eine Flucht nach vorne. Darüber hinaus ist der Posten - neben dem Kommissionspräsidenten der hochrangigste in der EU - ein Angebot, das man kaum ausschlägt. Er selbst steht aber zwischen zwei Sesseln: "Der Premierminister nimmt diesen Vorschlag sehr ernst und wird die Konsequenzen analysieren, die dies für Polen und seine Sicherheit hat, besonders im Licht der Ukraine-Krise", sagt seine Sprecherin. Sie betont aber, dass der Druck der EU-Regierungschefs immer stärker auf ihm lastete. Und in Warschau bereitet man sich schon auf seinen potenziellen Jobwechsel vor: Parlamentspräsidentin Eva Kopacz bot sich bereits als neue Ministerpräsidentin an.

Pragmatiker Tusk. - © reu/Pempel
Pragmatiker Tusk. - © reu/Pempel

Der studierte Historiker wuchs im polnisch-deutschen Grenzgebiet auf, spricht folglich fließend deutsch und hat gute Beziehungen zu Berlin. Russland ist er weniger wohlgesinnt, was als willkommenes Gegengewicht zur russlandfreundlichen Mogherini gesehen wird. In seiner Freizeit ist der Wirtschaftsliberale leidenschaftlicher Fußballer. Einigt sich der EU-Gipfel am Samstag auf Tusk, wird dieser allerdings seine Englischkenntnisse aufbessern müssen - denn die bereiten momentan die größten Sorgen.

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Federica Mogherini soll die EU-Diplomatie verjüngen. Schon vor Wochen wurde die italienische Sozialdemokratin zur Favoritin für den Posten des Hohen Außenbeauftragten erklärt. Kritiker hatten also genügend Zeit, ihre Argumente vorzubringen: Sie sei zu russlandfreundlich, heißt es vor allem in den osteuropäischen Ländern. Außerdem habe die 41-jährige Außenministerin zu wenig Erfahrung. Nichtsdestotrotz schien ihre Ernennung schon am Freitag "beschlossene Sache" zu sein.

Tatsächlich ist Mogherini die zweitjüngste Außenministerin in der Geschichte Italiens - und das auch erst seit Februar. Die Außenpolitik ist jedoch schon seit Jugendzeiten ihre große Leidenschaft. Sie hat einen guten Draht zu den US-Demokraten und ist enge Vertraute von Premier Matteo Renzi, der ihr bei ihrer EU-Kandidatur den Rücken stärkt. Auf den Vorwurf, sie sei zu jung, erwidert sie gelassen: "Ein Generationswechsel lässt sich eben nicht mit 40 Jahren Erfahrung vereinbaren." Osteuropäer fürchten, dass Mogherini die Ausgangsposition der EU in den Ukraine-Verhandlungen verschlechtern könnte. Rom will es sich nämlich nicht mit Moskau verscherzen, da es stark auf die Energieimporte angewiesen ist. Tusk als Ratspräsident könnte dies aber ausgleichen. Mogherini, Mutter zweier Töchter, liebt Reisen und spricht vier Sprachen fließend. Der PD-Politiker Luca Bader, der lange mit ihr gearbeitet hat, beschreibt sie als "rigoros, zuverlässig und schlicht".