Los Angeles. "Meld dich, wenn du was hörst. Und ich mach dasselbe, wenn mir was zu Ohren kommt. Okay?" Es ist erst sieben Uhr morgens, aber der Mann klingt, als hätte er die ganze Nacht durchgeredet. Die eine Hand hält das Telefon am Ohr, die andere hält den Kopf. Am Gehsteig vor ihm liegt mehr als eine Handvoll Marlboro Lights, die schon um diese Zeit dran glauben mussten. "Natürlich, natürlich. Hast du mit Alfonso gesprochen? Er ist draußen in Pomona untergekommen. Sie haben seine Adresse und er wollte nicht mehr in seinem Haus bleiben. Schöner Mist. Jetzt braucht er mindestens eine Stunde bis in die Arbeit."

Der Mann am Telefon ist Mitte Vierzig und stammt aus Acapulco, Mexiko, von wo er nach eigenen Angaben nach einem Streit mit einem Polizisten flüchten musste. Er ist frau- und kinderlos. Seit über zehn Jahren teilt er sich mit einem Freund eine Zweizimmer-Wohnung in einem Apartmenthaus am Rande von Glassell Park, einer bis heute zuvorderst von Mexikanern und Filipinos geprägten Nachbarschaft zwanzig Autominuten nordöstlich von Downtown Los Angeles. Bis heute besitzt er kein Auto, sondern fährt überall nur mit dem Fahrrad hin. "Gott sei Dank regnet’s sonst kaum", sagt er: "Und mit dem Rad ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich aufhalten, geringer."

Billig und diskret

Ein mexikanischer Immigrant auf einer Salatfarm in Holtville, Kalifornien. - © afp/Moore
Ein mexikanischer Immigrant auf einer Salatfarm in Holtville, Kalifornien. - © afp/Moore

Als er einzog, bildete das Viertel noch eines der weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Hoheitsgebiete jener Latino-Straßengangs, die in den Achtzigern und Neunzigern nur so aus dem Boden schossen. Die von seinem morgendlichen Standort aus buchstäblich um die Ecke liegende Drew Street galt, wenn man nicht gerade drogensüchtig oder selber Gang-Mitglied war, bis weit in die Nullerjahre als absolute No-go-Area. Der Vorteil: Die Häuser und die Wohnungen in diesem Teil von LA waren spottbillig, und die Vermieter interessierten sich keinen Deut dafür, wer man war und woher man kam, wenn nur am jeweiligen Ersten des Monats das Geld stimmte.

Davon abgesehen, dass sich Glassell Park mittlerweile im Auge des seit ein paar Jahren über die Stadt der Engel hinweg fegenden Gentrifizierungsorkans befindet, gibt es neuerdings aber noch ein weiteres Problem. Eines, mit dem der Mann mit dem Telefon und seine Freunde, mit denen er jeden Tag mittlerweile mindestens einmal redet, nie und nimmer gerechnet hätte.

Wenn er spricht, kommt manchmal in jedem Satz das englische Wort für "Eis" gefühlte zehnmal vor. Und selbst wenn man des an der Westküste weit verbreiteten "Spanglish" nur rudimentär mächtig ist, versteht man allein an seiner Körpersprache, dass mit diesem "Eis" nicht zu spaßen ist. Spätestens seit dem 20. Jänner, dem Tag der Angelobung von Donald John Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, geht unter den geschätzt rund elf Millionen dort lebenden illegalen Einwanderern die ganz konkrete Furcht vor der Abschiebung um. Und von New York bis San Diego gibt es deshalb keine andere Buchstabenkombination, die diesen Menschen derzeit mehr Angst einjagt als ICE.

ICE, das steht für Immigration and Customs Enforcement. Die dem Innenministerium (Department of Homeland Security) unterstehende Abteilung der Bundesregierung in Washington D.C. ist hauptverantwortlich für das Aufspüren und die Abschiebung von sogenannten "Illegal Aliens" und galt schon bisher nicht als zimperlich. In den acht Jahren der Präsidentschaft von Barack Obama wurden 2,5 Millionen Leute aus den USA abgeschoben - mehr als unter jedem anderen Präsidenten vor ihm. (Zum Vergleich: Während der Amtszeit seines Vorgängers George W. Bush waren es nur zwei Millionen.) Die überwältigende Mehrheit davon hatte sich entweder eines oder gar mehrerer Verbrechen schuldig gemacht, oder war unmittelbar nach dem Grenzübertritt geschnappt und umgehend zurücktransportiert worden.

Die Immigrationspolitik des ersten afroamerikanischen Präsidenten der Geschichte stellte sich prinzipiell so klar wie pragmatisch dar: Jede/r, der oder die sich illegal in den USA aufhielt und wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt wurde, durfte sich kaum Hoffnungen machen, zu bleiben. Wer sich dagegen nichts zuschulden kommen ließ, was einem Kapitalverbrechen ("Felony") im streng juristischen Sinn gleichkam, musste sich in der Regel mit wenigen Ausnahmen keine großen Sorgen machen. Auch wenn der Teufel wie immer in den Details lag - Stichwort Autorität der Bundesbehörden versus jener der jeweiligen lokalen Exekutive -, waren die Regeln relativ eindeutig: Nachdem nicht zuletzt die US-Agrarwirtschaft auf billige Arbeitskräfte aus Zentralamerika angewiesen ist, wurden illegale Einwanderer geduldet, solange sie sich an Recht und Gesetz hielten und auch sonst nicht weiter auffielen; was die überwältigende Mehrheit von ihnen genau aus diesem Grund bis heute tut.

Neuer Freibrief

Seit der Wahl des New Yorker Ex-Reality-TV-Stars zum Präsidenten ist trotzdem alles anders. Seit nämlicher haben die derzeit rund 20.000 ICE-Mitarbeiter, deren Standesvertretungen sich im Wahlkampf mit großer Mehrheit für ihn aussprachen und teils sogar politisch engagierten, de facto Carte Blanche. Nicht umsonst nannte der orange Mann im Weißen Haus das, was die (zivilen) Beamten derzeit treiben, erst vergangenen Donnerstag wörtlich "eine militärische Operation". Eine Operation, im Rahmen derer, im Gegensatz zur jüngeren Vergangenheit, keinerlei Unterschied mehr zwischen Einwanderern gemacht wird, die sich mit Ausnahme des illegalen Grenzübertritts beziehungsweise der Überschreitung ihrer Visas nie etwas zuschulden haben kommen lassen, und einer Minderheit von Kriminellen, deren Anteil im Pro-Kopf-Vergleich verschwindend gering ist. Um dem neuen Mandat zu genügen, soll ICE laut den diese Woche bekannt gewordenen Plänen von John Kelly, dem von Trump bestellten neuen Chef der Homeland Security, zudem 10.000 Mitarbeiter mehr bekommen.