Wien. Eine dunkle Verfärbung an der Wand verweist auf den Schreibtisch, der hier einmal gestanden sein muss. Flecken auf den Böden, abgenutzte Griffe und Schattierungen an den Mauern sind auch in den anderen Zimmern die einzigen Hinweise, wie es in dem Gebäude ausgesehen haben könnte. Geblieben sind nur die grau gewordenen unzähligen Steckdosen, ein Porträt von Kaiser Franz Joseph an der holzvertäfelten Wand eines ehemaligen Prunksaals und die weißen schweren Heizkörper. Sie hängen noch zu Dutzenden an ihren Plätzen entlang der endlosen, gespenstisch leeren Gänge.

145 Jahre lang dienten die Gänge und Räume zwischen der Dominikanerbastei und der Postgasse im 1. Bezirk als Unternehmenszentrale der Post. In dem weitläufigen Gebäude wurde die Beförderung von Geldsendungen, Briefen und Paketen organisiert. Bis vor fünf Jahren, als der letzte Postbeamte hier seinen Arbeitsplatz verlassen hat. In einem Jahr wird die ehemalige Postzentrale von den neuen Eigentümern, Wertinvest - Inhaber ist Investor und Heumarktentwickler Michael Tojner - und dem Bauunternehmen Soravia, umgebaut. Aus den Beamtenbüros sollen dann exquisite Hotelzimmer und hochpreisige Wohnungen werden.

Bis es so weit ist, wird das Gebäude immer wieder für Zwischennutzungen zur Verfügung gestellt. Wer sich temporär einmieten darf, überlässt man dabei aber nicht dem Zufall. Sehr eng gesteckt ist der Rahmen der möglichen Veranstaltungen. Die neuen Besitzer legen schließlich Wert darauf, den alten verstaubten Amtsstuben ein neues Image zu verpassen.

Die Jahresausstellung der Universität für angewandte Kunst, die Kunstmesse Parallel im vergangenen Monat, das Partyzentrum des Filmfestivals Viennale ab 20. Oktober und die Markterei ab November, wo an Freitagen und Samstagen ein Nachbarschaftsmarkt mit regionalen Produkten veranstaltet wird. Sie sind die Vorboten der künftigen Klientel, die in dem alten Postgebäude angesprochen werden soll. Dort, wo mehr als ein Jahrhundert lang der Amtsschimmel wieherte, ist es jetzt die Wiener Bohème, die hier Stück für Stück Einzug hält.

Schwitzende und nackte Körper

Angelockt und bei Laune gehalten werden sie mit Performances, Ausstellungen und Partys. Darunter ein schwitzender menschlicher Aufzug der Gruppe Gelitin, bei dem Besucher durch die Stockwerke gehoben und gezogen wurden. Auch Kurzfilme, wie etwa "Egomorphosis" von Elina Dzelme, in dem nackte Frauenkörper vom Kindes- bis ins Greisenalter mutieren, gehören zum Programm.