Es wurde eine breite und angemessene Diskussion verhindert. Die AKP-Mehrheit hat uns gezwungen, das in nur elf Tagen zu machen, und deshalb haben wir 15 oder 16 Stunden täglich gearbeitet. Nimmt man die Vorbereitungen in der Verfassungskommission hinzu, dauerte der gesamte Prozess bis zur Verabschiedung im Parlament nur einen Monat. Aber jetzt haben sie plötzlich viel Zeit, um die Änderungen an den Präsidenten zu senden. Der Grund ist natürlich, dass sie den Tag des Referendums nach ihren Bedürfnissen arrangieren wollen. Denn sobald der Präsident unterschrieben hat, muss es 60 Tage später stattfinden.

Ist die Öffentlichkeit ausreichend informiert, was auf dem Spiel steht?

Ich glaube, dass nicht einmal die Mehrheit der Parlamentarier die 18 geänderten Verfassungsartikel und ihre Bedeutung für das politische System der Türkei wirklich verstanden hat. Ganz abgesehen von den Wählern, die sich in Medien informieren, die zu 90 Prozent von der AKP kontrolliert werden.

Was glauben die Menschen, worüber sie entscheiden?

Erdogan schafft eine Situation, in der er den Leuten sagt: Ich tue Dinge für euch, und ihr vertraut mir, also ist es nicht nötig, dass ihr alle Details kennt. Wenn ich euch sage, dass es gut ist für euch, dann ist es gut für euch.

Was setzt die Opposition dem entgegen?

Wir müssen den Leuten erklären, dass es diesmal nicht um die Wahl einer Partei geht, sondern um ein ganz anderes Thema. Wenn wir das schaffen, hat das Nein eine sehr gute Chance.

Unter dem geltenden Ausnahmezustand sind bestimmte Freiheiten suspendiert. Wie ist es möglich, unter diesen Umständen eine Wahlkampagne zu führen oder ein faires Ergebnis zu garantieren?

Unter einer Notstandsgesetzgebung können Sie keine legitime Verfassungsänderung umsetzen, ganz zu schweigen von einem so bedeutenden Referendum. Ein fairer Wahlkampf benötigt Meinungs-, Organisations-, Versammlungsfreiheit und so weiter. Für all dies benötigen Sie im Moment eine behördliche Genehmigung. Einige Leute werden die bekommen, andere nicht.

Noch schwerer ist es vermutlich für die prokurdische HDP.

Es stimmt, die HDP steht vor großen Schwierigkeiten. Ihre Ko-Vorsitzenden, Abgeordnete und wichtige Persönlichkeiten der Partei, viele Bezirksvorsitzenden und praktisch alle gewählten HDP-Bürgermeister sind inhaftiert. In den Medien werden sie ignoriert. Wie kann eine politische Partei unter diesen Umständen Wahlkampf machen?

Wenn das Referendum mit einem Ja endet, verlässt die Türkei dann den Weg des Republikgründers Atatürk nach Europa?

Garantiert wird es kein Teil Europas mehr sein.