Dabei hat Erdogan unbestreitbare Erfolge vorzuweisen. Unter seiner Ägide hat die Türkei eine gigantische wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen. Erdogan war es auch, der die Türkei Richtung Europa führte. Als er Ministerpräsident war, wurde 2004 die Todesstrafe abgeschafft. 2005 nahm die Türkei Beitrittsverhandlungen mit der EU auf. Während weite Teile des Nahen Ostens im Chaos versanken, schien Erdogan zu beweisen, dass Islam und Demokratie kein Widerspruch in sich sein müssen. Erdogan war es auch, der einen Friedensprozess mit der militanten kurdischen PKK in die Wege leitete.

EU-Beitritt nur Strategie?

Der Friedensprozess mit der PKK ist gescheitert, seit Mitte 2015 eskaliert die Gewalt. Als die AKP im Juni 2015 erstmals die absolute Mehrheit bei der Parlamentswahl verlor, veranlasste Erdogan eine Neuwahl, um den Makel auszubügeln. Nach der Niederschlagung des Putschversuchs verhängte der Präsident den Ausnahmezustand und ließ zehntausende Menschen inhaftieren, darunter auch regierungskritische Journalisten. Rund 100.000 Staatsbedienstete wurden entlassen.

Erdogans Gegner befürchten, dass das Referendum nun den Weg zu einer Ein-Mann-Herrschaft in der Türkei ebnen könnte.

Je stärker die EU-Kritik an dem im Westen als zunehmend autoritär empfundenen Führungsstil Erdogans wuchs, desto mehr wendete sich dieser von Europa ab. Erdogan, aber auch Anhänger der Opposition werfen der EU zudem vor, die Türkei seit Jahrzehnten wie einen ungebetenen Gast vor der Tür stehen zu lassen - und einen Beitritt des mehrheitlich muslimischen Landes nie ernsthaft verfolgt zu haben. Erdogan nannte die EU erst kürzlich eine "Kreuzritter-Allianz".

Nach dem Putschversuch stellte der Präsident die Wiedereinführung der Todesstrafe in Aussicht, was automatisch das Ende jeglicher türkischen EU-Ambitionen zur Folge hätte. Außerdem brachte er für den Fall eines Sieges beim Referendum eine mögliche weitere Volksabstimmung über einen Abbruch des EU-Beitrittsprozesses ins Gespräch. Bei seinem Amtsantritt als Präsident 2014 hatte Erdogan eine "neue Türkei" versprochen und an die Adresse seiner Gegner versöhnliche Signale ausgesandt. "Lasst uns die alten Auseinandersetzungen in der alten Türkei zurücklassen", sagte er damals.

Stattdessen sind die Gräben in der Bevölkerung vor dem Referendum tiefer denn je. Das gilt auch für die Gräben zwischen der Türkei und der EU. Kanzler Schröder hatte 2004 gesagt, die Beitrittsverhandlungen würden zwar langwierig. Er fügte aber hinzu: "Ich habe keinen Zweifel, dass dieser Weg die Türkei nach Europa führen wird." Aus heutiger Sicht mag vielen Europäern die spöttische Aussage David Camerons realistischer erscheinen, der 2016 als britischer Premierminister einen türkischen EU-Beitritt "ungefähr im Jahr 3000" verortete.