Istanbul. Eine freundliche ältere Frau mit buntem Kopftuch schlendert durch das wimmelnde Zentrum des Istanbuler Bezirks Gaziosmanpasa. Sie bleibt vor dem Wahlkampfstand des "Evet"-Lager stehen, geht dann hinüber zur "Hayir"-Kampagne. "Evet" heißt "Ja", "Hayir" "Nein". Mit ohrenbetäubender Musik übertönen sich die politischen Konkurrenten vor dem Referendum über die wichtigste Verfassungsänderung der Türkei seit 1923 am kommenden Sonntag gegenseitig. Ayse, die 50-Jährige mit dem Kopftuch, die ihren Nachnamen nicht nennen will, hört aufmerksam zu. Sie sei konservativ, sagt sie leise, so konservativ wie der Stadtteil, in dem die regierende islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) bei den letzten Parlamentswahlen mehr als 57 Prozent bekam. "Natürlich" habe sie immer für die AKP und den früheren Minister- und heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gestimmt.

Ayse schaut auf die riesige Videowand bei der "Hayir"-Opposition, über die gerade zum populären türkischen "Izmir-Marsch" Schwarz-Weiß-Bilder des türkischen Befreiungskrieges vor hundert Jahren und des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk flimmern. "Natürlich" werde sie auch diesmal wieder Erdogan folgen und mit "Ja" stimmen, sagt Ayse. "Um frei zu sein, für Wohlstand und um keinen neuen Putschversuch zu erleben." Aber bevor sie weitergeht, fügt sie noch augenzwinkernd hinzu: "Ich wünsche mir ein gesegnetes Votum für die Zukunft der Türkei."

Dabei gebraucht sie einen Ausdruck, der während des Wahlkampfs Karriere als populäres Codewort machte, um in schweren Zeiten seine wahre Meinung auszudrücken: "hayirli" - "gesegnet". In dem Wort, das fromme Muslime gern zur Anrede verwenden, versteckt sich die Verneinung "hayir". Also hat die 50-jährige Hausfrau Ayse aus dem konservativen Gaziosmanpasa gerade zu verstehen gegeben, wie sie wirklich abstimmen wird. Glaubt man dem Augenschein, dann sprach aus ihr die Stimme des Volkes. Denn während sich vor der Bühne des "Hayir-Lagers" mehr als hundert Menschen versammeln und andächtig dem "Izmir-Marsch" zuhören, verlieren sich am Stand der "Evet"-Kampagne nur einige alte Mütterchen.

"Die Einführung der Diktatur"

Glaubt man der Mehrheit der Umfrageinstitute, dann ist es genau andersherum. Dann wird das "Ja" mit 55 Prozent der Stimmen am Sonntag einen klaren Sieg erringen. Aber eigentlich gilt keine Umfragefirma als wirklich unabhängig. So gibt es auch Erhebungen, die dem Nein einen 55-Prozent-Erdrutschsieg vorhersagen. Doch in einem sind sich alle einig: Bis zu 13 Prozent der Wähler sind noch immer unentschieden oder geben dies zumindest vor. Völlig unklar ist zudem, wie die in die Millionen gehenden Angehörigen und Freunde der rund 140.000 entlassenen Staatsdiener und der mehr als 45.000 als angebliche Putschisten Inhaftierten abstimmen werden.

"Das Rennen ist offen, aber es kann zu Überraschungen kommen, deshalb ist der Wahlkampf so wichtig", sagt Yilmaz Yildirim, 60, der Vorsitzende der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) in Gaziosmanpasa, ein kleiner, liebenswürdiger Herr in seinem frisch renovierten Büro. Seine Partei führt als größte Gruppe das "Nein"-Lager an, in dem sich von Sozialdemokraten über kurdische Linke bis hin zu moderaten Islamisten ein breites Bündnis sammelt. "Wir sagen Nein zu den Verfassungsänderungen, weil wir keine Einmannherrschaft wollen", bringt Yilmaz Yildirim seine Kampagne auf den Punkt. Diesmal werde nicht über Parteien abgestimmt, diesmal könnten die Bürger ihrem Herzen folgen und auch ihrem Ärger über die Politik Luft machen. "Wir sehen, dass die "Ja"-Versammlungen sehr schlecht besucht sind. Sollte das "Nein" gewinnen, kann das Folgen für die nächsten Wahlen haben."

"Ja für die Einheit" steht auf den riesigen Plakatwänden mit dem Konterfei Erdogans. Schluss mit dem Terror, Sicherheit im Land lauten die Argumente dazu. Sicher ist: Das Verfassungsreferendum spaltet die Türken. Erdogan und die AKP wollen zusammen mit ihren Verbündeten von der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) ein exekutives Präsidialsystem einführen, das dem Staatschef deutlich mehr Macht geben würde. Der Präsident könnte das Parlament auflösen, erhielte noch mehr Macht über die Justiz. Für den 63-jährigen Erdogan ist es die wohl wichtigste Abstimmung seines politischen Lebens. Spätestens seit er 2014 vom Volk mit 52 Prozent zum Staatschef gewählt wurde, strebt er als Vollendung seiner Karriere die Exekutivpräsidentschaft an. "Es wäre die Einführung der Diktatur" glaubt wiederum der CHP-Ortsvorsteher Yildirim.

Eine Frage der Ressourcen

Inzwischen ist der Wahlkampf für das Verfassungsreferendum in seine letzte Phase eingetreten. Mehr noch als bei Parlaments- und Präsidentenwahlen ist die Megametropole Istanbul zur Ausstellungsfläche der politischen Lager geworden - vor allem der "Ja"-Sager, deren gewaltige, alle bisherigen Dimensionen sprengenden Riesenplakate Brücken verhüllen, Hausfassaden abdecken und öffentliche Gebäude vereinnahmen. Auch die über vielen Straßen wehenden Wimpel rufen überwiegend dazu auf, mit "Ja" zu stimmen. Groß- und Kleinbusse kurven durch die Straßen und brüllen aus übersteuerten Lautsprechern: "Wählt "Ja" für die Zukunft der Türkei!". Nur selten ist einmal ein kleines Hayir-Plakat mit Sonne und einem lächelnden Mädchen zu sehen.