Istanbul. Am Sonntagabend sind die Straßen Istanbuls wie leergefegt. Wo sonst gehupt wird und Reifen quietschen, wo laute Musik aus Läden dröhnt – da herrscht in den Stunden nach dem historischen Referendum über die Verfassungsreform der Türkei eine fast beängstigende Stille. Die 16-Millionenstadt Istanbul hält den Atem an - wie die gesamte Türkei. Aus praktisch allen Fenstern dringt das flackernde blaue Licht der Fernseher, Menschen sitzen vor den Geräten und verfolgen einen Wahlkrimi, wie ihn in der Türkei noch nicht gesehen hat. Die staatsnahen Sender haben nach Schließen der Wahllokale zunächst einen Kantersieg der "Ja"-Wähler von 60 Prozent angekündigt, dann holt das "Nein" dramatisch auf, bis sich die Balken der Hochrechnungen ab halb neun Uhr abends kaum mehr bewegen. Das Ja steht bei 51,3 Prozent, das Nein bei 48,7 Prozent. Da erklärt sich der Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum Sieger des Urnengangs, lange bevor die Hohe Wahlkommission das Resultat am frühen Morgen als vorläufiges amtliches Endergebnis feststellt.

Ja oder Nein, "Evet" oder "Hayir" – das war die Frage an über 55 Millionen Wahlberechtigte in der Türkei und im Ausland. Sie waren aufgerufen, über Verfassungsänderungen zu einem exekutiven Präsidialsystem zu entscheiden, das Erdogan noch mehr Machtbefugnisse einräumen würde, als er ohnehin schon besitzt. Es war die wohl bedeutendste Volksabstimmung im Land seit Gründung der Republik durch Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1923, denn sie bedeutet einen fundamentalen Systemwechsel – von der parlamentarischen Demokratie hin zu einem hybriden Herrschaftssystem nach dem Muster ex-sowjetischer oder nahöstlicher Autokratien. Die Opposition warnte eindringlich vor einer Ein-Mann-Herrschaft, hatte aber wenig Möglichkeiten gegen eine "Ja"-Kampagne, die mit beispiellosem Aufwand und dem Einsatz staatlicher Ressourcen einen erdrückenden Wahlkampf im geltenden Ausnahmezustand führte.

Handfeste Überraschung

Deshalb ist das vorläufige Ergebnis für das Nein-Lager zwar eine knappe Niederlage, aber zugleich eine handfeste Überraschung. Inzwischen haben sich Istanbul und die Hauptstadt Ankara, die beiden größten und wichtigsten Metropolen des Landes, erstmals nach fast 15-jährigen Vormachtstellung Erdogans gegen ihn ausgesprochen, mit jeweils rund 51 Prozent Nein-Stimmen – ein Ergebnis auch der sehr hohen Wahlbeteiligung von mehr als 85 Prozent. Mit der Ägäismetropole Izmir, wo das Nein fast 70 Prozent holte, haben die drei bedeutendsten Städte des Landes ebenso wie die liberalen westlichen Küstenregionen gegen die Verfassungsreform gestimmt.