Historische Entscheidung

Wenig später lässt sich Erdogan selbst von seinen Anhängern in Istanbul feiern. Die Türkei habe mit dem Referendum eine historische Entscheidung getroffen und einen Schlussstrich unter eine 200-jährige Debatte um das richtige Regierungssystem gezogen, ruft er einer vielhundertköpfigen, jubelnden Menge zu. Es handle sich um die wichtigste Regierungsreform der türkischen Geschichte.

Dann kündigt er die Wiedereinführung der Todesstrafe an, die er während des Wahlkampfs immer wieder gefordert hat. "Ich werde das Thema umgehend mit dem Ministerpräsidenten und Herrn Bahceli diskutieren." Bahceli, der Chef der rechtsextremen Oppositionspartei MHP, der mit seiner parlamentarischen Unterstützung das Referendum erst ermöglichte und dem Ja-Lager wohl erst zur entscheidenden knappen Mehrheit verhalf, findet sich zwar im Zentrum der Macht wieder, muss aber damit rechnen, dass seine Partei sich jetzt spaltet. Falls die Todesstrafe in der Nationalversammlung keine Zweidrittelmehrheit finde, werde er wieder das Volk befragen, erklärt unterdessen der Staatschef: "Wir werden ein weiteres Referendum darüber abhalten."

Feier wirkt inszeniert

In Istanbul fahren jetzt die ersten Erdogan-Fans laut hupend und mit türkischen und "Evet"-Fahnen behängten Autos durchs Zentrum nahe dem Taksim-Platz. Aber es sind nur wenige, viel weniger als bei früheren Siegen ihres Idols, so als ob sie sich ihres Triumphes selbst nicht sicher seien. Ein kleiner Konvoi von rund 15 Fahrzeugen, der zuvor am Platz geparkt hatte. Eine Inszenierung, die wie so vieles an diesem historischen Abend vorgeplant und seltsam unecht wirkt – anders als die Begeisterung, mit der die Nein-Kampagne in den vergangenen Tagen agierte.

Die Zweifel der Opposition wachsen angesichts des Tempos mit dem Erdogan und die Regierung nun ans Werk gehen wollen. "Es gibt eigentlich noch kein feststehendes Ergebnis", sagt der Abgeordnete der linken prokurdischen Oppositionspartei HDP, Mithat Sancar, gegenüber dieser Zeitung kurz vor Mitternacht. Dafür, dass seine Partei praktisch keinen normalen Wahlkampf führen konnte, da ihre Führungsspitze, zahlreiche Politiker und Mitglieder inhaftiert sind, hat sie sich erstaunlich gut geschlagen und beispielsweise in der südostanatolischen Kurdenhochburg Diyarbakir 67 Prozent der Stimmen gewonnen.

Hinweise auf Diskrepanzen