"Es gibt sehr viele Einwände gegen den Wahlverlauf", sagt Sancar "Wir werden das Ergebnis offiziell anfechten und dabei Wahlmanipulationen in den Vordergrund stellen." Vor der Wahl hatten Experten gewarnt, dass es möglich sei, ein bis drei Prozent der Wählerstimmen zu manipulieren – genau die Marge, mit der das "Ja"-Lager offiziell gewonnen hat. "Bevor über unsere Einwände gesprochen wurde, finden wir es nicht korrekt, dass bereits Ergebnisse verkündet werden, als stünden diese fest." Die HDP-Wahlbeobachter hätten zahlreiche Hinweise auf erhebliche Diskrepanzen zwischen den ausgezählten und den nach Ankara übermittelten Daten festgestellt.

Entrüstung ruft auch eine Entscheidung der Hohen Wahlkommission (YSK) vom Sonntagnachmittag hervor, die Stimmzettel gelten ließ, denen der erforderliche Stempel fehlte. Noch während der laufenden Abstimmung erklärte die Kommission, dass auch ungekennzeichnete Stimmzettel und Umschläge als gültig gezählt würden, solange es keine Beweise dafür gäbe, dass die Umschläge von außen in die Wahllokale geschmuggelt wurden, obwohl dieselbe Kommission genau dies während des Wahlprozesses der Auslandstürken noch untersagt. Anfangs hieß es, dass von der Entscheidung nur rund 500 Stimmzettel betroffen seien, noch in der Nacht ist plötzlich von möglicherweise einer Million Wahlzettel die Rede. "Wegen dieser Probleme wollten wir unbedingt auf die Ergebnisse der OSZE-Beobachter warten, aber die Regierung schafft vollendete Tatsachen", sagt der HDP-Abgeordnete Sancar. "Die Legitimität dieser Wahl ist höchst fragwürdig. Schon der Wahlkampf war extrem unfair, aber der Wahlausgang ist für uns nicht mehr nachvollziehbar."

CHP fordert Neuauszählung

Auch die größte Oppositionspartei CHP zweifelt das Ergebnis an. Ein Vertreter der Partei hat am Montag die Annulierung des Referendums gefordert. "Es gibt nur eine Entscheidung, um im Rahmen des Gesetzes die Situation zu entspannen - die Hohe Wahlkommission sollte die Abstimmung
annullieren", sagte der stellvertretende Vorsitzende der CHP, Bülent Tezcan.

Am Sonntag verlangte die CHP eine Neuauszählung und wollte die unzulässigen Stimmzettel nicht gelten lassen. "Dieses Referendum hat eine Wahrheit ans Licht gebracht: Mindestens 50 Prozent dieses Volkes hat dazu ‚Nein‘ gesagt", sagt der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu, Chef der sozialdemokratischen CHP, am Sonntagabend vor Journalisten in Ankara.

Später äußert Stefan Schennach von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE), der mit einem Team das Referendum beobachtet hat, dass die Abstimmung "weder fair noch frei" gewesen sei. "Nach unserem Besuch in Diyarbakir und Mardin sind wir zutiefst besorgt. Die Polizei verhinderte zweimal unsere Beobachtung", erklärt Schennach per Twitter.

Im Laufe des Tages gab es tatsächlich eine Fülle von Berichten über Unregelmäßigkeiten. So wurden Wahlbeobachter der HDP in der Kurdenhochburg Diyarbakir in Südostanatolien von der Polizei an ihrer Arbeit gehindert und aus fadenscheinigen Gründen festgenommen. Bewaffnete Polizisten hielten sich in Wahllokalen auf, obwohl dies gesetzlich verboten ist. Das Internetvideo eines Wahllokalhelfers aus dem südöstlichen Sanliurfa, der munter "Ja" auf Stimmzettel stempelte, führte zu einem Aufschrei der Empörung in den sozialen Medien.