Hatten internationale Beobachter wie der Berliner Bundestagsabgeordnete der Grünen, Özcan Mutlu, den Wahlverlauf zunächst noch als entspannt und korrekt empfunden, so mehrten sich seit der Nacht die kritischen Stimmen. Stefan Schennach von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE), der mit einem Team das Referendum beobachtet hatte, erklärte, dass die Abstimmung "weder fair noch frei" gewesen sei. "Nach unserem Besuch in Diyarbakir und Mardin sind wir zutiefst besorgt. Die Polizei verhinderte zweimal unsere Beobachtung", schrieb er auf Twitter. Auch wurden Wahlbeobachter der HDP in der Kurdenhochburg Diyarbakir in Südostanatolien von der Polizei an ihrer Arbeit gehindert und festgenommen.

Buchhändler Casan Caglar aus der Istiklal Caddesi macht sich angesichts des Abstimmungsausgangs große Sorgen nicht nur um die Türkei, sondern ganz konkret um seine Familie. "Man hat den Eindruck, dass die Regierung einen lang vorbereiteten Plan ausführt, und die Leidtragenden werden vor allem die Frauen sein", sagt er. "In letzter Zeit wurden Frauen auf der Straße oder in der Metro geschlagen, weil sie angeblich zu kurze Kleider oder Shorts trugen. Sie arbeiten an der Veränderung der gesamten Gesellschaft. Sie arbeiten an einer Islamischen Republik wie im Iran." Erdogan habe nun einen Freibrief erhalten, um die Gesellschaft rigide umzuformen.

Caglar steht mit seiner Meinung nicht allein, viele und nicht nur junge Leute haben große Angst vor dem, was jetzt kommen mag. "Alle meine Freunde sind total schockiert. Wir brauchen jetzt erstmal ein paar Tage, um zu verstehen, was gestern passiert ist", sagt der Manager. "Eines aber ist sicher: 2,5 Prozent Vorsprung für das ‚Ja‘-Lager sind viel zu wenig, als dass wir uns jemals damit abfinden könnten. Hätten die Befürworter 60 Prozent erzielt, sähe es anders aus."

Doch nicht nur das "Nein"-Lager ist geschockt. "Das Ergebnis ist bei Weitem nicht gut genug. Wie kann es sein, dass das ,Ja‘ am Schwarzen Meer 70 Prozent erhalten und in Istanbul verloren hat?", fragt ein heißblütig wirkender Schmuckverkäufer in der Istiklal Caddesi, der immer die AKP gewählt hat. "Ich bin sehr enttäuscht. Was ist bloß in die Leute gefahren?" Vor allem das vorläufige amtliche Endergebnis für Istanbul und die Hauptstadt Ankara, die beiden größten und wichtigsten Metropolen des Landes, irritiert ihn. Dort hat sich erstmals nach fast 15-jähriger Vormachtstellung eine, wenn auch geringe, Mehrheit gegen Erdogan ausgesprochen. Mit der Ägäismetropole Izmir, wo "Nein" fast 70 Prozent holte, haben die drei bedeutendsten Städte des Landes ebenso wie die liberalen westlichen Küstenregionen gegen die Verfassungsreform gestimmt.

Doch entschieden wurde die Abstimmung in der Provinz - in Zentralanatolien, am Schwarzen Meer und in den konservativen südostanatolischen Großstädten Sanliurfa und Gaziantep, wo die islamisch-konservative Regierungspartei AKP traditionell ihre Hochburgen hat und das "Ja"-Lager seinerseits 70 Prozent holte. Das fromme Anatolien hat gegen den säkularen, wirtschaftlich starken Westen und den kurdisch geprägten Südosten votiert - und wohl auch gegen die türkische Republik des Gründers Atatürk.

Aber sind insgesamt 51,4 Prozent wirklich ein gutes Resultat für Erdogan, die AKP und ihren neuen Verbündeten, die rechtsextreme Oppositionspartei MHP? Bei den letzten Parlamentswahlen im November 2015 kamen beide Parteien zusammen auf rund 65 Prozent der Stimmen. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 holte der "Boss", wie Erdogan von seinen Anhängern genannt wird, 52 Prozent. Man hätte also deutlich mehr Stimmen für das Ja erwarten können.

Erdogan lässt sich von Anhängern feiern

Trotzdem ließ sich Erdogan schon kurz nach halb zehn Uhr in der Wahlnacht von seinen Anhängern in Istanbul feiern. Die Türkei habe mit dem Referendum eine historische Entscheidung getroffen und einen Schlussstrich unter eine 200-jährige Debatte um das richtige Regierungssystem gezogen, rief er einer vielhundertköpfigen, jubelnden Menge zu. Es handle sich um die wichtigste Regierungsreform der türkischen Geschichte. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er seinen harten Repressionskurs gegen Kritiker weiterführen werde und kündigte die Wiedereinführung der Todesstrafe an, die er während des Wahlkampfs immer wieder gefordert hatte, notfalls mit einem neuen Referendum. "Ich werde das Thema umgehend mit dem Ministerpräsidenten und Herrn Bahceli diskutieren."

Devlet Bahceli, der Chef der rechtsextremen Oppositionspartei MHP, ein eingefleischter Kemalist, der mit seiner parlamentarischen Unterstützung das Referendum erst ermöglichte und dem "Ja"-Lager wohl zur entscheidenden knappen Mehrheit verhalf, wird zum wahren Totengräber der fast hundertjährigen Republik Atatürks. Das ist die bittere Ironie hinter dieser Geschichte, deren Ergebnis bei Erdogans Fans bei weitem nicht die Euphorie weckt, die man hätte erwarten können.

"Ich glaube, dass Erdogan und der AKP-Regierung bewusst ist, dass ihr System wackelt, und sie das Referendum deshalb abgehalten haben", sagt der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung der deutschen Grünen in Istanbul, Kristian Brakel. "Erdogan hat seine Position abgesichert, sodass er die nächsten Jahre noch überwintern kann. Aber irgendwann wird das System zusammenbrechen."