Auch Esther Kinsky nimmt auf einen Romantiker Bezug: auf Wilhelm Müllers "Winterreise"-Zyklus. "Am kalten Hang" (Matthes & Seitz 2016) heißt ihr Gedichtband, und im Untertitel verspricht er eine "viagg’ invernal", eine winterliche Reise. Diese Reise von der Elbe nach Italien bildet im Band eine eigene Tonspur unten auf der Seite, unter den einzelnen Gedichten, und anders als diese läuft sie an einem Stück, ohne Unterbrechung dahin. Kinsky schreibt eine Art Elementargedicht, eine Naturlyrik, die elementar aufgeladen ist:

"Wohin die vier winde in die ich rief / wohin der staub der straße wohin / gras grün und blattwerk lieblich zuhäupten. / Winter will es werden." Die Landschaft, durch die diese Reise führt, ist nicht nur äußerlich eine der Kälte und der grauen Farben, sondern auch innerlich eine der Trauer und des Schmerzes. Gewidmet ist sie Martin Chalmers, Kinskys Ehemann, der 2015 starb. "Da liegt der blasse / abendstern und will uns / nimmer scheinen", heißt es am Ende des Bandes, der erneut deutlich macht: Esther Kinsky gehört als Prosaistin wie als Lyrikerin zu den feinsinnigsten Sprach- und Wahrnehmungskünstlerinnen im deutschen Sprachraum. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sie als Übersetzerin aus dem Russischen, Polnischen und Englischen viel in anderen Sprachräumen unterwegs ist.

Ein Wanderer in der "waldschlucht" der Sprache ist auch das lyrische Ich in Norbert Hummelts Band "Fegefeuer" (Luchterhand 2016). Mit Anklängen an Dantes "Göttliche Komödie" und deren Terzinenform wie auf den Spuren von T.S. Eliot gehört Hummelt zu den Freunden der etwas strengeren Versgebung; er scheut auch vor dem komplexen Reim (etwa dem Kettenreim) nicht zurück: "die insel, deren namen niemand kennt / liegt an der spitze einer schmalen zunge / die nur ein alter rheinarm noch vom hafen trennt."

Die aufgesuchten Orte sind solche der Erinnerung, der eigenen Lebensvergangenheit. Das Gedicht bei Hummelt ist Vergegenwärtigung innerer Bewusstseinsvorgänge, ohne dass dabei die äußere Welt (vor allem in Form der Natur) aus dem Blick gerät. Für diese Meisterschaft reicht denn auch ein ganz kurzer Titel.