Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur weiteren Integration war die Konferenz von Maastricht im Dezember 1991. Die zwölf dort versammelten Staats- und Regierungschefs waren fest entschlossen, die Integration voranzutreiben. Maastricht wurde zum bedeutendsten Reformschritt seit Gründung der EWG im März 1957. Der Vertrag von Maastricht, der im Februar 1992 unterzeichnet wurde, sah unter anderem die Schaffung einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion mit einheitlicher Währung sowie die Errichtung einer europäischen Zentralbank vor. Die Europäischen Gemeinschaften (EG) wurden zur Europäischen Union (EU). Es begann nun das Wagnis, eine politische und wirtschaftliche Union zu entwickeln. Ein Unterfangen von historischer Tragweite.

Am 1. Jänner 1995 traten Österreich, Schweden und Finnland der Gemeinschaft bei (die EFTA besteht seither nur noch aus vier Staaten: Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweden). Drei Monate später traten das Schengener Abkommen über die Abschaffung der Personenkontrollen an den EU-Binnengrenzen sowie eine gemeinsame Sicherheits- und Asylpolitik in Kraft. 2004 gab es mit zehn weiteren Beitrittsländern den letzten großen Beitrittsschub, dem Anfang 2007 noch Bulgarien und Rumänien und 2013 Kroatien folgten. Am 1. Jänner 2002 führten 12 Länder den Euro als gemeinsame europäische Bargeld-Währung ein. Inzwischen sind es 19 von 28 EU-Mitgliedern mit insgesamt 340 Millionen Bürgern.

Dass die Integration Europas eine Erfolgsgeschichte war - zumindest für die letzten 60 Jahre -, ist unbestritten. Es gab zwar immer wieder Probleme, aber sie wurden fast sämtlich gelöst. Noch nie waren sie allerdings so groß wie im Jahre 2017. Es gab und gibt Misstrauen an der Basis gegenüber Brüssel, vielerorts Desinteresse, mangelnde Bürgernähe, immer wieder schlagen auch nationale Interessen durch. Die Bevölkerungen nehmen viele Sachverhalte als verwirrend wahr.

Jetzt gibt es ein neues Phänomen: Statt mit Erweiterungen hat es die EU nämlich zum ersten Mal in ihrer Geschichte mit einem Austritt zu tun. Im Juni 2016 hat eine knappe Mehrheit der Briten für den Brexit, den Austritt aus der EU, gestimmt. Die britische Premierministerin Theresa May will einen "harten" Brexit: die Gemeinschaft wird damit ihre drittgrößte Wirtschaftskraft, den zweitgrößten Nettozahler und ein diplomatisches Schwergewicht im UN-Sicherheitsrat verlieren.

Was wollen die USA?

Zum Brexit kommen andere Probleme: die kontinuierlich wiederkehrende Wirtschafts- und Schuldenkrise Griechenlands und der Flüchtlingsstreit: Ungarn, die Slowakei, Tschechien und Polen weigern sich, Flüchtlinge aufzunehmen; stattdessen bauen sie Grenzzäune. Rechtspopulisten wittern die Gunst der Stunde. Dann der Terror: die islamistischen Anschläge in Frankreich, Belgien und zuletzt auch in Deutschland haben Lücken bei Absprachen und Austausch offenbart.

Und was ist mit den USA? Die Signale aus Washington könnten nicht verwirrender sein. Der neue Präsident Donald Trump hat den Brexit als "fantastisch" begrüßt; das geplante Freihandelsabkommen TTIP wird es wohl nicht mehr geben. Der Zustand der EU ist Trump "ziemlich egal"; die EU ist aus seiner Sicht nur gegründet worden, "um die Vereinigten Staaten im Handel zu schlagen". Da unterstreicht US-Vizepräsident Mike Pence in Brüssel die Bedeutung der EU für die USA, während der wichtigste Berater von Trump, Steve Bannon, in Washington das genaue Gegenteil betont: Die EU sei eine fehlerhafte ("flawed") Institution.

Was wird also aus dem vereinigten Europa 60 Jahre nach Gründung der EWG? Ist der Brexit der Anfang vom Ende? Droht der EU womöglich der schleichende Zerfall? Fragen, die vor zehn Jahren so wohl niemand gestellt hätte. Oder ist der Brexit die Chance für ein "neues" Europa? Mit gemeinsamer Außen- und Verteidigungspolitik, möglicherweise in einem "Europa der zwei Geschwindigkeiten"?

2017 wird in jedem Fall ein Schicksalsjahr für Europa werden. Bei den Wahlen in den Niederlanden am 15. März blieb die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders weit hinter den Erwartungen zurück. Als Europäer kann man nur hoffen, dass die Präsidentschaftswahl in Frankreich ähnlich ausfällt und es keine Präsidentin Le Pen geben wird. (Nachlese vom 25.3.2017)