Wien. Fehlt nur noch, dass Margit Fischer ihren Mann in der Hofburg ersetzt und Werner Faymann sich mit der "Kronen Zeitung" anlegt. Die politischen Tabus purzeln wie die Temperaturrekorde. Was bedeutet die rot-blaue Ehe im Burgenland, das schwarze Putscherl in der Steiermark? Und was ändert sich, wenn die ÖVP den Wirtschaftsflüchtlingen aus dem Team Stronach Asyl gewährt - und das im eigenen Haus? (Von wegen Zelte.)

DIE GEWINNER

Der Knackarsch

Der Abgeordnete des Team Stronach, Marcus Franz, hat die alte Aufreißschule des "Po-Grapschens" salonfähig gemacht. Seither ist kein einladender Hintern vor Nachahmern sicher, die sich ein ähnliches Eheglück wünschen wie jenes von Franz und seiner Gattin, die er per Po-Grapscher als begattungstauglich taxierte. Nun ist Marcus Franz zur ÖVP
gewechselt, in der mächtige Landesfürsten über Zucht, Ordnung und Askese wachen und höchstens ein Autogramm von der Weinkönigin ergrapschen. Franz muss umdenken - die Pöpsche sind sicher.

Das Rückgrat

Die Röntgentechnologie reichte zuletzt nicht mehr aus, um in Österreich Reste von politischem Rückgrat auszumachen. Wiener Frontkämpfer gegen Rot-Blau werden zu burgenländischen Söldnern unter rot-blauem Banner. Und noch bevor die ÖVP im Toleranzseminar gelernt hat, das Wort "schwul" auszusprechen, ohne rot zu werden, setzt sie mit Abgeordneten des Team Stronach auf alte Werte.

Doch dann: dieses Rückgrat! Wie eine steirische Eiche. Franz Voves. Er hält Wort und räumt seinen Landeshauptmannsessel wie versprochen, um seine "Reformpartnerschaft" mit der ÖVP zu retten. Dass er dabei die Hosen bis weit unters Rückgrat runterlässt und zuschaut, wie die ÖVP seinen Thron von Rot auf Schwarz umfärbt, knickt vielleicht seine Partei, er bleibt ein grader Franz.

Wolfgang Schüssel

Der Kanzler von Haiders Gnaden ist eben 70 geworden und erlebt seinen 2. Wende-Frühling. Nach der ersten Wende von ÖVP-FPÖ im Jahr 2000 hagelte es Attacken aus ganz Europa. Doch wie es so ist mit den Kindern, das zweite profitiert von den Sünden des ersten und wird kaum mehr abgestraft. Der rote Schüssel im Burgenland, Landeshauptmann Hans Niessl, verkündete die Wende zu Rot-Blau, ohne mit der Wimper zu zucken. Die "Schande Europas" endete im Seewinkel. Genugtuung ist keine politische Kategorie, wird sich Schüssel denken, aber sie fühlt sich saugut an.

Die Filzmaiers

Juroren für Journalismuspreise haben es einfach dieser Tage. Ausgezeichnet werden Analysen, in denen nicht Peter Filzmaier das letzte Wort hat. Der Politikwissenschafter hat in unsicheren Zeiten ein derart erdrückendes Monopol auf das Genre der Welterklärung, dass sogar der Monopolist ORF resigniert und ihm die Fragen an die Politiker überlässt. Fehlt nur noch, dass Filzmaier eine Partei gründet und sich - C.G. Jung zitierend - selbst analysiert. Wobei: Auch die Hajeks und Hofers erklären, warum die steirische SPÖ richtig gehandelt (Hajek) und sich selbst aufgegeben hat (Hofer). Ein Widerspruch? Fragen Sie Filzmaier.

Austro-Syriza

Antifaschismus und Gerechtigkeit. Dafür lohnt es sich, heute noch zu kämpfen. Okay, die Freigabe von Gras ist für die Sozialistische Jugend auch nicht unerheblich, schließlich schauen rote Luftschlösser so noch schöner aus. Cut. Die rote Welt in Österreich sieht derzeit so aus: Blau ist der letzte Schrei; die rechten "Hetzer" von der FPÖ, wie sie SPÖ-Chef Werner Faymann nennt, haben eine rechte Hetz mit der Regierungsbeteilung im Burgenland und der Aussicht auf rote Abenteuer auf allen Ebenen.

Die Waffen im Kampf für mehr Gerechtigkeit, die Reichensteuern, hat Faymann persönlich wieder ins sozialistische Revolutionsmuseum zurückgestellt.

Mit ihm ist kein wirklich linker Staat zu machen, der in Griechenland bereits Realität ist. Dort brachte die Partei Syriza die Morgenröte, was die Internationale hymnisch feiert. Wann kommt die Austro-Syriza? Keimzelle könnte Oberösterreich sein mit Sonja Ablinger als Chefin - wer das ist, lesen Sie auf Twitter - und einer Sozialistischen Jugend, die sogar eigene Genossen als "rechte Hetzer" abkanzelt, wenn sie sich kritisch über Ausländer äußern. Neben dieser Rechtspartei sollte genügend Platz sein für Links.

Die Kreideproduzenten

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache will Bundeskanzler werden. Nach den Rekordgewinnen im Burgenland und der Steiermark entfernt er bereits die blauen Kornblumen von seinen schönsten Anzügen und macht Rhetorikübungen vor dem Spiegel. Die Österreicher wollen im Kanzleramt keinen Heißsporn. Deswegen muss er Brandreden abschwören und Kreide fressen. Er wird viel davon brauchen. Ungesund soll das weiße Pulver ja nicht sein.

DIE VERLIERER

Der Donnerstag

12.000 nahmen im Jahr 2000 an der ersten "Donnerstagsdemo" gegen die FPÖ in der Regierung teil. Die Demo wurde zum Synonym des Widerstandes. 15 Jahre später ist sie zurück - statt am Wiener Heldenplatz in Eisenstadt. Die Föderalisierung des blauen Tabubruchs führt zu einer Neuntelung der Donnerstagsdemo - mit dem Resultat, dass nur noch rund 200 Menschen marschieren. Gegen den Austro-Föderalismus hätte selbst Che Guevara kein Leiberl.