Fast wie aus dem Nichts schiebt Anand im 23. Zug seinen Bauern um ein unscheinbares Feld von b6 auf b5 nach vorne. Eine kleine Figurenbewegung mit großer Sprengkraft. Anand lässt dadurch ein komplett ausgeglichenes Spiel zu seinem Gunsten kippen. Nicht, dass das Carlsen nervös machen würde, aber das schnelle Remis ist nun kein Thema mehr. Drei Züge später fällt Carlsen der sehr kluge Königszug auf f3 ein. Anand nimmt sich nun Zeit. Viel Zeit. Fast 20 Minuten überlegt er für seine Antwort. Tut sich da wirklich eine Chance auf für ihn, und noch dazu mit den schwarzen Steinen? Oder sollte er doch lieber auf die eigene Sicherheit achten? Erst folgte der Zug des d-Turms auf b8, der die Situation wieder neutralisiert um mit dem nächsten Zug Carlsen und alle Zuseher dann endgültig zu verwirren: Anand beschließt seinen Turm zu opfern! Carlsen nimmt an und steht besser. Was plant der Inder? Plant er irgendetwas? Aus der sonst so sicheren Berliner-Partie wird nun plötzlich ein konfuses Schlachtfeld. Hat Anand einen genialen Plan, den sonst keiner erkennt, oder hat er den Bogen überspannt? Zweiteres scheint der Fall zu sein. Carlsen macht nun keinen Fehler mehr. Kann er doch schon heute den Sack zumachen? Doch Anand gibt nicht auf.

Ein verrücktes, ein konfuses, aber vor allem ein dramatisches Spiel nimmt seinen Lauf. Anand, der unerwartet mit Schwarz angriff, anfänglich mit Aussicht auf Erfolg, der dann aber zu viel riskierte, steht nun plötzlich vor den Trümmern der eigene Position. Nach vier Stunden schüttelt ein müder Anand einem ebenfalls müden, aber sehr erleichterten Carlsen die Hand und gratuliert ihm zum verteidigten Weltmeistertitel.

Am Ende sollte die Experten recht behalten, die vor der WM meinten, das Match wird wieder den selben Sieger haben wie ein Jahr zuvor, wenn auch mit einem knapperen Ergebnis. Wie man es dreht und wendet – Magnus Carlsen ist die klare Nummer 1 der Welt und ein verdienter Weltmeister. Anand, der viel besser spielte als bei der WM vor einem Jahr, war ein würdiger Herausforderer, der in den entscheidenden Momenten den einen oder anderen Fehler zuviel machte.

Bei der abschließenden Pressekonferenz wollte ein Journalist von Anand wissen, ob er sich nach dieser Niederlage nun vom professionellen Schach zurückziehen werde. Anand antwortet wie aus der Pistole geschossen mit einem kurzen "No!". Daraufhin gab es zum ersten Mal bei dieser WM großen Applaus. Anand lächelte und überließ kurz darauf Magnus Carlsen das Podium.