Am späten Abend des 22. Novembers 2013 kam es im gediegenen Luxus Hotel Hyatt Regency im indischen Chennai zu tumultartigen Szenen. Eine Schar aufgekratzter Norweger warf gerade einen jungen Mann, inklusive Hemd und Hose in den nächtlichen Hotel-Pool. Doch der wehrte sich kaum.

Der junge Mann war Magnus Carlsen und hatte sich soeben nach einem Remis in der zehnten WM-Partie vorzeitig zum 16. Schach-Weltmeister der Geschichte gekürt. Als Carlsen nach einer Sekunde unter Wasser wieder auftauchte passierte etwas logisches und gleichzeitig sehr unerwartetes.

Der neue Weltmeister reckte im klatschnassen Anzug seine Arme gen indischen Sternenhimmel und stieß einen Freudenschrei aus. Logisch, weil man dies erwarten kann von einem frischgebackenen Weltmeister, und ein doch eher ungewohntes Bild in der sonst so kontrollierten Schachwelt. Aber in dieser feucht-fröhlichen indischen Nacht sah man für einen kurzen Moment tiefste Erleichterung im Gesicht des neuen Weltmeisters. Carlsen, der, wenn überhaupt, höchstens mal verhalten schmunzelt, verbarg hier seine Emotionen nicht. Er, der sonst jede Gefühlsregung nur unter Vorbehalt freigibt, dieser Magnus Carlsen lässt uns nun für den Bruchteil einer Sekunde direkt in seine Seele blicken. In diesem kurzen Moment wurde klar, welche enorme Last auf den Schultern des Norwegers gelegen haben muss. Und wie groß die Freude war, sich von dieser befreit zu haben.

Ein Jahr und einen Tag später sitzt Magnus Carlsen wieder an einem Schachbrett, wieder bei Weltmeisterschaften, wieder Vishy Anand gegenüber. Doch inzwischen sind die beiden bereits bei Partie elf angelangt. Und Magnus Carlsen ist zwar einen Punkt voran, aber noch lange nicht im Hotel-Pool. Mit einem Sieg in der heutigen Partie könnte sich dies aber schlagartig ändern, denn dem Titelverteidiger fehlt nur noch ein Punkt. Anand fehlt ebenfalls ein ganzer Punkt, allerdings um auszugleichen. Einen Punkt den der Inder heute oder spätestens Dienstags holen muss, um sich noch in die Verlängerung kommenden Donnerstag zu retten.

Eine Situation, die wieder für die sehr Remis-Sichere Berliner-Verteidigung sprechen würde, denn die Müdigkeit und das Nervenkostüm der beiden Protagonisten bekommt nun eine immer größere Bedeutung. Und mit einem weiteren Remis wäre beiden Spielern mehr geholfen als es ihn schaden würde. Carlsen will und muss nichts mehr riskieren, und Anand will heute nicht zu viel riskieren um am kommenden Dienstag noch einmal alles riskieren zu können. Und so war dann auch niemand überrascht als bald tatsächlich die Berliner-Verteidigung am Brett stand. Anand weicht zwar nach dem Damentausch mit dem neunten Zug – Läufer auf d7 – etwas ab, trotzdem wurde die übliche, super solide Berlin-Situation geschaffen. Und bald ist das Spiel so ausgeglichen, dass der größte Unterschied, von dem man berichten konnte, darin besteht, dass Carlsen seinen Orangensaft aus der Flasche und Anand aus dem Glas trinken. Das erwartete, erneut schnelle Remis liegt bereits in der Luft, als sich Anand scheinbar plötzlich denkt: "Warum nicht heute schon etwas wagen?!"

Fast wie aus dem Nichts schiebt Anand im 23. Zug seinen Bauern um ein unscheinbares Feld von b6 auf b5 nach vorne. Eine kleine Figurenbewegung mit großer Sprengkraft. Anand lässt dadurch ein komplett ausgeglichenes Spiel zu seinem Gunsten kippen. Nicht, dass das Carlsen nervös machen würde, aber das schnelle Remis ist nun kein Thema mehr. Drei Züge später fällt Carlsen der sehr kluge Königszug auf f3 ein. Anand nimmt sich nun Zeit. Viel Zeit. Fast 20 Minuten überlegt er für seine Antwort. Tut sich da wirklich eine Chance auf für ihn, und noch dazu mit den schwarzen Steinen? Oder sollte er doch lieber auf die eigene Sicherheit achten? Erst folgte der Zug des d-Turms auf b8, der die Situation wieder neutralisiert um mit dem nächsten Zug Carlsen und alle Zuseher dann endgültig zu verwirren: Anand beschließt seinen Turm zu opfern! Carlsen nimmt an und steht besser. Was plant der Inder? Plant er irgendetwas? Aus der sonst so sicheren Berliner-Partie wird nun plötzlich ein konfuses Schlachtfeld. Hat Anand einen genialen Plan, den sonst keiner erkennt, oder hat er den Bogen überspannt? Zweiteres scheint der Fall zu sein. Carlsen macht nun keinen Fehler mehr. Kann er doch schon heute den Sack zumachen? Doch Anand gibt nicht auf.

Ein verrücktes, ein konfuses, aber vor allem ein dramatisches Spiel nimmt seinen Lauf. Anand, der unerwartet mit Schwarz angriff, anfänglich mit Aussicht auf Erfolg, der dann aber zu viel riskierte, steht nun plötzlich vor den Trümmern der eigene Position. Nach vier Stunden schüttelt ein müder Anand einem ebenfalls müden, aber sehr erleichterten Carlsen die Hand und gratuliert ihm zum verteidigten Weltmeistertitel.

Am Ende sollte die Experten recht behalten, die vor der WM meinten, das Match wird wieder den selben Sieger haben wie ein Jahr zuvor, wenn auch mit einem knapperen Ergebnis. Wie man es dreht und wendet – Magnus Carlsen ist die klare Nummer 1 der Welt und ein verdienter Weltmeister. Anand, der viel besser spielte als bei der WM vor einem Jahr, war ein würdiger Herausforderer, der in den entscheidenden Momenten den einen oder anderen Fehler zuviel machte.

Bei der abschließenden Pressekonferenz wollte ein Journalist von Anand wissen, ob er sich nach dieser Niederlage nun vom professionellen Schach zurückziehen werde. Anand antwortet wie aus der Pistole geschossen mit einem kurzen "No!". Daraufhin gab es zum ersten Mal bei dieser WM großen Applaus. Anand lächelte und überließ kurz darauf Magnus Carlsen das Podium.