Am 30. Juni wird im Burgtheater Molières "Der eingebildete Kranke" gegeben. Danach ist Schluss für die folgenden zwei Monate. Denn an der Burg ist – genauso wie an vielen anderen großen Häusern – der Theaterbetrieb während der Sommerferien komplett eingestellt. "Da wird nicht einmal geprobt", erklärt eine Burgtheater-Sprecherin. Aber leer und still ist das Theater in den zwei Monaten ohne Spielbetrieb trotzdem nicht: "Da gibt es Revisionen, Umbauarbeiten, Inventuren, und neben dem Kartenverkauf finden auch im Sommer Führungen durch das Haus statt." Und da zum Beispiel im Sommer das Festival Impulstanz im Sommer im Burgtheater einquartiert ist, passiert auch dann auf der Bühne etwas, wenn das Ensemble Urlaub hat. Einen Urlaub, der dringend notwendig ist, "schließlich haben wir ja quasi von September bis Juni keinerlei Urlaub", betont die Sprecherin. Denn während der Saison ist an der Burg nur zu Weihnachten und am Karfreitag spielfrei, "ansonsten ist das Haus immer geöffnet".

Andrea Schramek (mit Schauspielkollege und EAV-Musiker Eik Breit) im Burghof bei den Schlossfestspielen Piber. - © Robert Cescutti
Andrea Schramek (mit Schauspielkollege und EAV-Musiker Eik Breit) im Burghof bei den Schlossfestspielen Piber. - © Robert Cescutti

Im Juli und August ist somit für die Schauspieler das große Durchschnaufen angesagt – wenn sie nicht die Sommermonate zum Arbeiten nutzen und an einem der vielen Sommertheater in der Provinz (wenn man das so flapsig sagen darf) engagiert sind. Während die meisten Schauspieler am Burgtheater Jahresverträge und somit keinen Druck haben, auch im Sommer Geld zu verdienen, sind die Sommertheater für freiberuflich tätige Künstler umso wichtiger. "Viele Selbständige in der Branche haben nicht durchgehend Engagements und sind froh über Sommergastspiele, für manche ist das sogar die Hauptarbeitszeit. Und das Sommertheater ist sogar zum Teil etwas, das sie finanziell rausreißt", stellt Vanessa Payer Kumar fest. Sie hat im Sommer 2015 bei den Festspielen Stockerau die Adriana Peppone in "Don Camillo und Peppone" gespielt. Heuer steht sie sozusagen auf der anderen Seite und führt ab 23. Juni Regie in "Marindolina zwischen Liebe und Zufall" beim Theater Sommer Klagenfurt. Daneben unterrichtet sie, um Geld zu verdienen. Zum Thema Sommergagen berichtet ihre Schauspielerkollegin Andrea Schramek: "Meine Engagements im Sommer waren besser bezahlt als die Produktionen, die ich unterm Jahr gemacht habe. Manchmal habe ich da sogar die doppelte Gage erhalten, die sonst üblich war."

Für manche Künstler sind die tendenziell leichteren Sommerkomödien auch ein Ausgleich zur oft schwereren Kost, die sie sonst spielen. Und so ist es, wenn man nicht gerade ein schreckliches Team erwischt, nicht nur fürs Publikum, sondern auch für die Schauspieler eine willkommene Abwechslung. "Unter freiem Himmel zu spielen ist sowieso immer etwas anderes, und das allein gibt schon ein bisschen ein lockereres Gefühl", sagt Payer Kumar. "Und ich glaube, dass die meisten Kollegen es schon ganz angenehm finden, den Sommer auf dem Land zu verbringen."

Dem stimmt auch Schramek zu: "Im Sommer probt man teilweise im Freien und nicht immer untertags. Und man ist dabei auch selbst ein bisschen auf Sommerfrische." Auch das Publikum hat im Sommer andere Erwartungen: "Das fährt am Wochenende gern ins Grüne und möchte einen schönen Tag inklusive Kultur und Kulinarik erleben. Wahrscheinlich gehen im Sommer und in so einem Rahmen auch tatsächlich mehr Menschen in eine Theaterproduktion." Ihrer Erfahrung nach kommen im Sommer auch Zuschauer, die sonst nie in ein Theater gehen. Und bei regionalen Sommertheatern (also weniger Festspiele Reichenau, sondern etwa Graz-Umgebung) unterscheidet das Publikum oft auch weniger zwischen Laien- und Profitheater, meint sie. "Hauptsache, es ist unterhaltsam. Das weiß man und darauf stellt man sich ein."

Auch Lisa Schrammel, die heuer aus terminlichen Gründen aussetzen muss, mag Sommertheater: "Die Atmosphäre ist um einiges entspannter, wenn man sich nach den Proben im nahegelegen See erfrischen kann. Und es findet ja oft an besonders schönen Orten statt, die dann tatsächlich auch ein gewisses Urlaubsgefühl vermitteln können." Zumindest wenn man Glück bei der Produktion hat. Sie stellt aber auch klar, dass "der Anspruch an eine Sommertheaterproduktion prinzipiell natürlich genau so hoch ist wie auch für eine reguläre Produktion, wenngleich die Stückauswahl oft auf eher leichtere, vergnügliche Stoffe fällt". Sie kennt auch Kollegen, die fest an einem Haus engagiert sind und in den wenigen komplett spiel- und probenfreien Wochen im Jahr auf gar keinen Fall arbeiten wollen, sei das Angebot auch noch so verlockend. "Für freischaffende Schauspieler hingegen ist es eben oft keine Frage des Wollens, sondern des Müssens, denn auch im Sommer müssen diverse Rechnungen bezahlt werden."

Auch Peter Jost kennt einige Kollegen, die Freilicht gar nicht machen, weil es ihnen zu anstrengend ist. Denn Sommertheater findet er nicht unbedingt erholsam: "Ich hasse Mikrofone. Das Theater im Freien ist ehrlicher, weil viele Dinge, die in einem geschlossenen Haus eine Aufführung unterstützen, fehlen: der geschlossene Raum, die Dunkelheit, die Fokussierung auf die Bühne. So gesehen ist das Freilufttheater sogar durchaus anstrengender." Und voriges Jahr hat er am Straßentheater Salzburg im "Lumpazivagabundus" den Knieriem gespielt, "44 Mal – da kann mir keiner erzählen, dass das leichter ist". Heuer ist er Mitglied der Kellergassen Compagnie, die zwischen Tulln und Krems jedes Jahr woanders spielt und diesen Sommer in Kirchberg am Wagram Philipp Hafners "Der Furchtsame" gibt.

Trotz mancher Anstrengungen macht ihm das Sommertheater sehr viel Freude, "und ein Engagement ist ein Engagement". Als Pensionist macht er nur noch das, wozu er Lust hat. "Ich habe zuletzt mehrere Traumsachen für einen reifen Schauspieler gespielt." Auf die Gage ist er zum Glück nicht mehr angewiesen. "Aber ich kenne viele junge Kollegen, die heilfroh sind, wenn sie einen solchen Job bekommen." Noch vor ein paar Jahren war man als Schauspieler bei Sommertheatern oft nicht einmal angemeldet und musste sich auch darum selbst kümmern, erzählt er. "Ich bewundere die jungen Leute, die sich das antun. Wir haben es damals schon schwer gehabt, aber immer noch leichter als die jungen Kollegen heute. Durch die Typisierung durchs Fernsehen wird man gleich einmal auf bestimmte Rollen festgelegt. Als ich jung war, hat man im Engagement alles von A bis Z gespielt, Komödien genauso wie Tragödien. Das wird heute gar nicht mehr verlangt von den Theatermachern, viele haben kaum eine Abwechslung. Und die soziale Absicherung ist viel schwieriger geworden, als sie je war."

Diese Erfahrung hat auch Katharina Vana gemacht: "Das Schauspiel ist ein knallhartes Business und oft unterbezahlt. Natürlich spielen Schauspieler, weil sie sich diesen Beruf ausgesucht haben, und natürlich spielen sie, um zu überleben. Da gehören ein paar Monate Sommertheater – womöglich noch mit Anstellung – nicht selten zum finanziellen Highlight eines freischaffenden Schauspielers, der ansonsten von Low-Budget zu Selbstproduziertem und zurück springt." Jene, die gut verdienen und immer ausgebucht sind, sieht sie jedenfalls in der Minderheit.Vana selbst spielt ab 14. Juli bei der Theatermeierei in Gaaden bei Mödling, "kein finanzielles Highlight, aber ein tolles und qualifiziertes Team und mit musikalischem Schwerpunkt, für mich auch spannend zwecks Weiterentwicklung – insgesamt aber sicher mehr ein Herzens- als ein Börsenprojekt."

Wie hart der Schauspielberuf sein kann, hat Schauspielerin Andrea Schramek am eigenen Leib erfahren: Sie musste ausgerechnet eine Kabarett-Premiere (in einem Ensemble) spielen, als ihr Lebensgefährte im Sterben lag. "Nach seinem Tod habe ich dann eine Bühnenpause eingelegt. Vor kurzem bin ich nun bei der Künstlerbörse in Thun erstmals wieder auf der Bühne gestanden, mit einem Ausschnitt von ‚Geliebte Geliebte‘. Aber ich habe auf Französisch gespielt – ein Neustart sozusagen."

Kritische Worte zum Thema Gagen kommen auch von Schauspielerin Evelyn Thonet: "Um die Existenz geht es bei den wenigsten Sommertheaterschauspielern, denn einerseits bekommen die arrivierten Schauspielerinnen und Schauspieler – verhandelbar – nochmals extrem viel Geld zu ihrer guten normalen monatlichen Gagen dazu. Andererseits wird der Rest an nicht-arrivierten Kolleginnen und Kollegen – und das ist eindeutig die Mehrheit – entweder gar nicht für Sommerspiele angefragt oder, wenn zufällig eine Anfrage kommt, nur um kleinste Bruchteile der großen Gagen. Man kann sich daher beim besten Willen damit nicht aus einem finanziellen Limit befreien, denn diese kleinen Gagen helfen bestenfalls zum Überleben für ein paar Wochen." Zumal jeder in dieser Branche genügend Schauspieler kenne, die sich um Sommerjobs reißen, was wiederum die Gagen beträchtlich drücke. Gute Beziehungen seien hier hilfreich bis unerlässlich. Abgesehen davon ist auch Thonet ein Fan von Sommerproduktionen, die sie als insgesamt "unaufgeregter als normal und meistens auch lustiger" bezeichnet.

Aber selbst große Stars müssen mitunter aufs Geld schauen, wenn sie Festspiel-Engagements annehmen. So betont Peter Simonischek, dass er heuer in Salzburg den Prospero in "Der Sturm" ausschließlich deshalb spielt, weil ihn die Rolle reizt und nicht wegen der Gage. "Im Gegenteil muss man schauen, dass man über die Runden kommt, weil Kost und Logis selbst zu bezahlen sind und Salzburg ein teures Pflaster ist. Die Hälfte der Gage geht sowieso an die Steuer. Und in meinem Alter will man auch nicht unbedingt in der Mensa essen und in der Jugendherberge übernachten", meint der fast 70-Jährige. Als Burgtheater-Pensionist bekommt Simonischek im Sommer von dort kein Geld.

Auch Simonischek genießt jedenfalls die Abwechslung im Sommer: "Weil mich die Rollen interessieren. Ich war zwanzig Jahre an der Schaubühne, und dort spielt man eine Vorstellung zwei- bis dreihundert Mal en suite und damit nur zwei, drei Produktionen im Jahr. Da spielt man natürlich vieles nicht, was man in einem normalen Stadttheaterbetrieb mit zwölf oder fünfzehn Premieren im Jahr spielen würde. Und da habe ich dann oft den Sommer genutzt, um Rollen zu spielen, an die ich sonst nicht gekommen wäre."

Vanessa Payer Kumar (M.) im Vorjahr bei den Festspielen Stockerau. - © Johannes Ehn, www.ehnpictures.com
Vanessa Payer Kumar (M.) im Vorjahr bei den Festspielen Stockerau. - © Johannes Ehn, www.ehnpictures.com

Ob man am Sommerspielort einquartiert ist oder heimpendelt, hängt von der räumlichen Distanz ab. Und ob die Unterkunft selbst zu bezahlen ist oder nicht, ist nicht einheitlich geregelt. "Oft sind die zur Verfügung gestellten Unterkünfte dann halt privat, da ist es dann die Urstrumpftante des Theaterleiters", meint Payer Kumar, die es schon so und so erlebt hat. Zum Problem kann auch die lange Dauer der Produktionen werden, meint sie: "Die Probenzeit ist mit sechs bis acht Wochen bei Sommerproduktionen meistens genauso lang wie in der übrigen Saison. Und ich habe es selbst schon erlebt, dass mir genau zur Zeit der Endproben für ein Stück Drehtage für einen Film angeboten wurden – das ist dann für einen Freischaffenden wirklich hart, so etwas ablehnen zu müssen, weil man beim Film in zwei Tagen so viel verdient wie in sechs Wochen am Theater. Aber kein anständiger Schauspieler würde deswegen eine Theaterproduktion absagen, das wäre schlicht unmoralisch."

Von langen Abwesenheiten kann Susanne Altschul ein Lied singen: Sie verbringt im heurigen Sommer von Ende Mai bis Anfang September vermutlich keinen einzigen Tag daheim in ihrer Wohnung, sondern ist mehr oder weniger durchgehend in Spittal an der Drau beim Ensemble Porcia engagiert. Dort spielt sie im Schlosshof die ganze Woche hindurch insgesamt drei Stücke ("Bunbury", "Das Gespenst von Canterville", "Außer Kontrolle") parallel. "Das ist einerseits viel Text zu lernen, andererseits gibt es mir auch ein bisschen das Gefühl, drei Monate an einem Repertoire-Theater zu sein und nicht ‚bloß‘ bei Sommerspielen." Mit dem Wohngeld hat sie sich eine Wohnung mieten können, in der auch ihr Mann während des Engagements bei ihr wohnen kann, somit ist die räumliche Trennung von daheim halb so schlimm.

Auch wenn sie als Hauptgrund für das Engagement den großen Spaß angibt, den es ihr macht, hat auch für sie das Geld eine Rolle bei der Entscheidung fürs Sommertheater gespielt. Und sie stellt so wie viele Kollegen fest: "Es gibt sicher viele Kollegen, die es sich gar nicht leisten könnten, im Sommer nicht zu spielen. Ich werde auch oft von jungen Schauspielern gefragt, ob ich ihnen noch einen Tipp für ein Engagement für den Sommer geben kann." Da es inzwischen schon sehr viele Sommertheater gibt, hat sie die Hoffnung, dass es damit im Sommer immer weniger arbeitslose Schauspieler gibt. "Und wenn man einmal drinnen ist, wird man oft auch in den folgenden Saisonen engagiert."

Wenn bei den Bregenzer Festspielen die Vorstellung bei Sonnenschein beginnt und im Dunkeln endet, hatd as auch seinen eigenen Reiz. - © Bregenzer Festspiele / Markus Tretter
Wenn bei den Bregenzer Festspielen die Vorstellung bei Sonnenschein beginnt und im Dunkeln endet, hatd as auch seinen eigenen Reiz. - © Bregenzer Festspiele / Markus Tretter