Ihre nahezu leuchtend roten Locken waren in der Schule Gegenstand von Hänseleien. "Pumuckl", so habe man ihr hinterhergerufen, selbst "Rostige". Stefanie Dvorak fällt auf. Was für die Halbwüchsige unangenehm war, zählt heute zu ihren Erkennungsmerkmalen. Auffälligkeit ist das, worauf es am Theater ankommt. "Damals wollte ich aber so sein wie alle anderen."

"Diese Frau erträgt unglaublich viel", sagt Burgschauspielerin Stefanie Dvorak über die Rolle der Maggie. Nächstes Wochenende eröffnen die Festspiele in Reichenau mit Tennessee Williams. - © D. Dimov/FR
"Diese Frau erträgt unglaublich viel", sagt Burgschauspielerin Stefanie Dvorak über die Rolle der Maggie. Nächstes Wochenende eröffnen die Festspiele in Reichenau mit Tennessee Williams. - © D. Dimov/FR

Die Schauspielerin verfügt über eine enorme Bühnenpräsenz. Ihre Ausstrahlung überträgt sich ohne Reibungsverluste auf das Podium - ob in Nebenrollen wie als Natalja Iwanowna in Tschechows "Drei Schwestern" oder in Hauptrollen wie zuletzt als Mariedl in Werner Schwabs "Die Präsidentinnen". Wie Dvorak die Abgründe der gepeinigten Mariedl ausleuchtete, beeindruckte die Kritik: "Lind und leicht", so brachte es ein Beobachter nach der Premiere auf den Punkt. Dvoraks Spiel ist geprägt von Spielfreude und Wandlungsfähigkeit.

"Eine großartige Zeit"

"Jedes Stück, jede Inszenierung hat eine eigene Mechanik", sagt die Schauspielerin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Es gehe darum, jeder Rolle genau das zu geben, was diese brauche. Dvorak, 41, ist aber auch eine erstklassige Ensemblespielerin, seit nunmehr 17 Jahren ist sie im Team des Burgtheaters, in mehr als 40 Inszenierungen war sie im Haus am Ring zu sehen. Sie hat kein Problem damit, sich im Hintergrund zu halten, wenn es nötig ist. Selbst die oft undankbaren Rollen als Kammermädel in Nestroy-Stücken erfüllt sie mit Prägnanz und Präzision. Kommendes Wochenende wird Dvorak nun in einer Hauptrolle zu sehen sein: Sie spielt Maggie in Tennessee Williams "Die Katze auf dem heißen Blechdach"; mit Liz Taylors Paraderolle eröffnet sie die diesjährigen Reichenauer Festspiele. In Reichenau ist die Dvorak Stammgast und hat sich dort in die vordere Reihe gespielt - von den Nestroy-Mäderln bis zur Madame Bovary (2013).

"Ich mag es, wie viele Schauspielerinnen und Schauspieler von Wiener Bühnen hier bunt zusammengewürfelt sind." Nun also Maggie. "Diese Frau erträgt unglaublich viel", sagt Dvorak. Bemerkenswert sei, dass der Autor im Bühnentext nicht notierte, dass Maggie weine, obwohl sie im Verlauf der Handlung an ihre Grenzen gerate und gegenüber ihrem als latent homosexuell charakterisierten Ehemann alles aufbiete, um schwanger zu werden - um so die Schlacht um das Familienerbe für sich zu entscheiden. "Nach einem langen Probentag kommen mir manchmal die Tränen", sagt Dvorak. "Da wird mir bewusst, wie stark diese Figur ist."

Der Weg zur Bühne war für Dvorak mit einigen Unsicherheiten gepflastert. "Ich war jung und unbedarft, viel verschreckte und verängstigte mich", erinnert sich die zierliche Darstellerin an ihre Anfangsjahre im Ensemble der Burg, in das sie direkt vom Reinhardt-Seminar wechselte. "Den Beruf lernt man, indem man ihn ausübt, man braucht viel Erfahrung. Ich bin wohl eine Spätzünderin. Erst jetzt merke ich, wie ich immer deckungsgleicher mit mir selbst werde. Anfangs stürzte ich mich in jede Rolle hinein. Inzwischen dringt immer mehr von mir, meiner Persönlichkeit durch."

Geboren wurde Dvorak in Graz, sie wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester in der nahegelegenen Stadtgemeinde Gleisdorf auf, die Eltern Lehrer in den Naturwissenschaften. Bereits im Gymnasium spielte Stefanie im Schultheater. "Eine großartige Zeit", sagt sie heute. "Wir haben alles selbst gemacht, tourten mit unseren Aufführungen durch ganz Österreich." Der Schritt, das Hobby zum Beruf zu machen, der Gang nach Wien, war dann doch nicht ganz einfach. "Ich bin nicht leicht verpflanzbar, brauche eine gewisse Zeit, um mich an einem neuen Ort wohl zu fühlen. Dauernd in Flugzeuge zu steigen, um heute hier und morgen dort zu spielen? Da würde ich mich verlieren."

Hörbuch statt Fernseher

Junge Schauspieler werden gemeinhin vor zwei großen Fehlern gewarnt: ans Burgtheater zu gehen - und dieses Haus wieder zu verlassen. Auch Stefanie Dvorak wurde damit konfrontiert. "Aber ich bin wahnsinnig gern am Burgtheater. Hier erlebte ich viele verrückte und wunderschöne Sachen." Hier konnte sie mit renommierten Regisseuren arbeiten und sich in unterschiedlichen Stilformen versuchen - von Diskurstheater-Erfinder René Pollesch bis Altmeister Dieter Giesing, von Schauspielerregisseur Sven-Eric Bechtolf bis zu Bühnenerneuerer Alvis Hermanis. Das Ensemble ist trotz der finanziellen Einschnitte immer noch so groß, dass Dvorak noch nicht mit all den Kollegen gespielt hat.

"In der Auseinandersetzung mit einer Rolle immer mehr Tiefe zu erlangen, mir vielleicht neue kreative Betätigungsfelder aufzutun, das ist mir wichtig." Der Wunsch nach verstärkter Konzentration auf Wesentliches ist mit ein Grund, warum die Schauspielerin sich zu Hause ihres Fernsehers entledigt hat. Mitunter, sagt Dvorak, sei es eben eine Herausforderung, mit freien Abenden etwas anzufangen. "Dann gehe ich spazieren, trinke ein Glas Wein mit Freunden oder höre ein Hörbuch." Dazu wird sie in nächster Zeit aber nicht kommen. Auf der Bühne in Reichenau muss sie als Maggie wie verrückt um ihr Lebensglück kämpfen.