Alles Walzer: Alina Fritsch, Dominik Raneburger. - © Dimov/FR
Alles Walzer: Alina Fritsch, Dominik Raneburger. - © Dimov/FR

Roaring Twenties in Wien, sturmfreie Junggesellenbude. Zwei Feschaks mit zwei Hasen. Die Partydroge heißt Alkohol. Aus dem Trichter des Nadelgrammophons dröhnt: "So ein Kuss kommt von allein". Der Lebeleicht Theodor weiß es eh: "Die Weiber haben nicht interessant zu sein, sondern angenehm." Wie seine Mizi sucht er Körpernähe.

Auch der junge Hausherr Fritz ist ein reicher Nichtstuer, doch etwas komplizierter, romantischer gestrickt. Seine Christine hat er, das wird im Vorspiel kurz eingeblendet, im Tanzkurs kennengelernt. Ein schüchternes Armeleutekind, in Fritzens Frauentestreihe zugleich Entdeckung, Kick Richtung Läuterung, aber auch schon tödliches Ende. Denn plötzlich erscheint ein gehörnter Ehemann im schlampigen Salon und fordert Fritz zum Duell.

Doppelt unzeitgemäß. Denn Ende der 1920er, als in Berlin die Comedian Harmonists bekannt wurden, war der Offiziers-Ehrencodex im k.u.k. Militär, von Arthur Schnitzler in der Erzählung "Leutnant Gustl" schon 1900 ramponiert, nur mehr Geschichte.

In "Liebelei" unterwarf Schnitzler sein Milieu einer moralischen Revision. In dieser Fin-de-Siècle-Gesellschaft, für die Hermann Broch das Wort "Wertevakuum" prägte, brachten sich nicht wenige fallengelassene "süße Mädel" um. In der "Liebelei", 1895 an der Burg uraufgeführt, fällt auch der Mann.

Regina Fritschs Regiehand zerbrach im Arena-Rund der zweiten Reichenauer Festspielbühne den Stilrahmen um die vielgespielte "Liebelei". Das gesittete Anfangs-Souper, aus dem sich ein bürgerliches Trauerspiel entfalten soll, hat sie schräg gebürstet, und das Ende mit einer Schellack-Arie aus Bizets "Perlenfischern" melodramatisch untermalt. Dazwischen Slapstick-Turbulenz an einer Drehtür und Vorstadtweiberkomik. Wird sich Christine nach dem Verlust ihres Einziggeliebten das Leben nehmen? Denn ihr "sogno, sogno d’amor" aus der akustischen Kitschkulisse ist aus. Zornig wie Rumpelstilzchen rennt sie aus dem Haus. Ihr Vater, der alte Weiring, bleibt stumm. Seine Prophezeiung, sein alleinerzogenes Kind werde nie wiederkommen, ist gestrichen. Für das Salon-Mobiliar und Christines ärmliches Zimmer (Bühne: Peter Loidolt) genügen Andeutungen. Gekuschelt wird in der Chaiselongue, getafelt auf dem Parkettboden. In diesem Bild-Minimalismus dünnt der dramatische Plot leicht zur Anekdote aus. Die Gehröcke der Herren (Kostüme: Catarina Czepek) erinnern an die falsche - die Goethezeit.

Routiniertes Spiel

Von den in die Jahre gekommenen treuen Reichenauer Stammgästen ist anzunehmen, dass sie Schnitzlers "Liebelei" schon mehrmals gesehen haben. Auf sie wartet als hübsche Überraschung die Wörtelei zwischen der madonnenfaden Christine und der intriganten Nachbarin - vorgeführt von der ungebremsten Regina Fritsch und ihrer Tochter Alina Fritsch.

Vielleicht zeigt sich in den 26 Reprisen noch deutlicher vom Sessel reißende Schauspielkunst. Bei der Premiere fiel Florian Graf auf als flotter Steiger Theodor - durch herben Charme, der sich jeder Ich-bin-ja-so-schön-Anbiederung versagt, uhrwerkhafte Präzision und auch in den erregtesten Momenten bewahrte Sprechkultur.

Der gleich alte Dominik Raneburger (Fritz) bleibt auf dem Boden des routinierten Gesellschaftsspiels. Maria Schuchter als Mizi Schlager: Wieder die Tochter einer bekannten Mutter, mit Herz, Quirlgeist und Überdruck als Erbgut. Sascha Oskar Weis baut sich als modrige Skulptur vor Fritz auf, wenn er die Reparatur seiner Gattenehre erzwingt. Ein nobles Fossil anderer Art ist Wolfgang Hübsch: Armer müder Vater Weiring! Wir wollen Sie im nächsten Jahr in bekannter Frische wiedersehen.