Brilliert: Miguel Herz-Kestranek als Nebel. - © apa/Hans Punz
Brilliert: Miguel Herz-Kestranek als Nebel. - © apa/Hans Punz

In Nestroys Posse "Liebesgeschichten und Heiratssachen" finden nach einer Verkettung unwahrscheinlichster Zufälle und Verwechslungen am Ende doch noch die zwei von Anfang an für einander bestimmten Paare zusammen. Den gewissenlosen Betrüger und Mitgiftjäger trifft hingegen die gerechte Strafe: Er ist durchschaut und geht leer aus.

Doch trotz des unvermeidlichen Happyends zeigt Nestroy in dem 1843 entstandenen, von einer englischen Vorlage inspirierten Werk ein Gesellschaftsbild, das alles andere als biedermeierlich-idyllisch ist und bei genauerer Betrachtung keineswegs vorgestrig anmutet. Und Helmut Wiesner bewährt sich einmal mehr als Nestroy-Spezialist, indem er in seiner Inszenierung die Bezüge zur Gegenwart unter Beibehaltung des historischen Ambientes mit Raffinesse und feinsinniger Ironie deutlich macht.

Peter Loidolt verwandelt die Reichenauer Bühne stilsicher in ein bezauberndes Sommertheater aus alter Zeit, mit Prospekten und Versatzstücken, manchmal marschieren Musikanten auf, der Schauplatzwechsel zwischen dem Dorfwirtshaus und der Nobelvilla des neureichen Herrn von Fett vollzieht sich im Halbdunkel vor den Augen der Zuschauer. Dazu passen auch die gemäßigt historistischen Kostüme von Erika Navas. Toni Slama als Herr von Fett lässt weder in seiner Sprache, noch in seinem protzig-ungeschickten Auftreten einen Augenblick daran zweifeln, dass er - bis vor einigen Jahren noch ein überraschend zu einem Vermögen gekommener Fleischselcher - noch "Anfänger in der Nobless" ist. Als sich Anton (Alexander Hoffelner), Sohn eines begüterten Kaufmanns und ehemaliger Verlobter von Fetts Tochter Fanny (Karin Lischka), nach zwei Jahren überraschend bei ihm einstellt, ist er ihm nicht mehr gut genug. So wie es Fett zu plötzlichem Reichtum gebracht hat, ist hingegen Anton nach dem Tod seines Vaters ohne eigene Schuld von einem Tag auf den anderen mittlerweile völlig verarmt. Zufällig trifft Anton den alten Schulfreund Alfred (René Peckl), der sich - Sohn eines Marchese - bei Fett unter falschem Namen als Sekretär verdingt hat, um seiner großen Liebe Ulrike (Emese Fay), einer entfernten Verwandten des Hausherrn, nahe zu sein. Heiratsabsichten hat auch der Gauner Nebel, vormals Antons Diener, der es auf die Mitgift von Fetts ältlicher, vor Temperament übersprudelnder Schwägerin Lucia Distel (Chris Pichler) abgesehen hat. Und zu allem Überfluss taucht auch der Marchese Vincelli auf, um die drohende Verbindung seines Sohnes mit einer Bürgerlichen zu verhindern.

Auch der Brexit im Couplet

Das Verwirr- und Verwechslungsspiel erreicht seinen Höhepunkt, als man Nebel für den Sohn des Marchese hält, worauf der Betrüger als versierter Intrigant alle Register zieht - und von Fett sogar als Schwiegersohn umworben wird, ehe Alfred seiner Ulrike und Fanny ihrem Anton endlich die Hand reichen dürfen.

Miguel Herz-Kestranek brilliert als der tückische, nur auf den eigenen Vorteil bedachte Nebel und überzeugt auch in seinen Couplets mit aktuellen, (nicht nur) österreichische Zustände und auch den Brexit miteinbeziehenden Zusatzstrophen. Marcello de Nardo hat als düsterer, genüsslich outrierender und in diversen Sprachen radebrechender Marchese die Lacher auf seiner Seite. Zugegeben: Die jungen Paare kommen mit Nestroys Sprache nicht mit jener selbstverständlichen Virtuosität zurecht, wie es neben Toni Slama und Herz-Kestranek auch Nicolaus Hagg als schlitzohrigem Wirt gelingt. Alles in allem aber ein unterhaltsamer sehenswerter Nestroy-Abend, der wieder einmal zeigte, dass nicht alles, worüber man lacht, wirklich zum Lachen ist.