Brodelnder Hass: Stella Grigorian und Bruno Ribeiro in Pietro Mascagnis "Cavalleria Rusticana". - © Lukas Beck
Brodelnder Hass: Stella Grigorian und Bruno Ribeiro in Pietro Mascagnis "Cavalleria Rusticana". - © Lukas Beck

Just in dem Moment, da Santuzza ihren Fluch Turiddu nachschleudert, beginnt ein Turmfalke über dem Kaiserhof von Stift Klosterneuburg seine Kreise zu ziehen, als wolle er nachschauen, was sich da in seinem Herrschaftsbereich ereignet.

Wäre er ein wenig früher herbeigeflogen, hätte er gemerkt, dass Dirigent Christoph Campestrini die hervorragende Sinfonietta Baden auf einen Verismo-Stil eingeschworen hat, der die Leidenschaften darstellt, ohne selbst mitzuschwitzen. Und siehe da: Pietro Mascagnis "Cavalleria Rusticana" enthält tatsächlich gute Musik. Ruggero Leoncavallos "Bajazzo" sowieso, das hat man schon vorher gewusst. Aber so differenziert und dermaßen genau ausbalanciert mit den metallischen Farben, die von Anfang an dunkel und bedrohlich leuchten, wie das Messer, mit dem Canio Rache nehmen wird, hört man das selten. Die letzten Takte knüppeln den Zuschauer nieder - und reißen ihm den Applaus aus den Händen.

Leidenschaft unter
kalten Sternen

"Cavalleria Rusticana" ist vor allem die Stunde von Stella Grigorian als leidenschaftlich liebender Santuzza. Bruno Ribeiro singt den Turiddu sehr passend mit rauem, aber höhensicherem Tenor - und spielt ihn als unsympathischen Womanizer. Sebastian Holecek trumpft als Alfio auf, Anna Marshaniya ist eine Lola mit toller Bühnenerscheinung und leuchtendem Sopran, die große Stefania Toczyska komplettiert das Ensemble in der kleinen Rolle der Mutter.

Nach dem Abschied von ihr ist Turiddu so allein, wie ein Mensch nur sein kann. Unnahbar und kalt blinken die Sterne. Hat Regisseurin Isabella Gregor die Natur miteinkalkuliert? Es funktioniert jedenfalls glänzend. Im "Bajazzo" entfesselt sie dann einen veritablen Bühnenzauber - und doch sind es ihre psychologischen Details, die am meisten einnehmen.

Etwa, wie sich Clemens Unterreiner als Tonio vom tumben rad- und trommelschlagenden Komödianten zum Intrigendämon entwickelt; oder, wie Eugenia Dushina als Nedda weniger um Liebe als um Selbstachtung kämpft (und übrigens das Vogellied hinreißend singt) - das ist großartig! Zurab Zurabishvili zeigt, wie Canio allmählich von Eifersucht aufgefressen wird: Sympathien für einen Totschläger sind da nicht nur wegen dieses Pracht-Tenors erlaubt! Dass Nedda sich in den Silvio Klemens Sanders verguckt, glaubt man mühelos, und Maximilian Mayer steht als Beppo daneben und hat alles Mitgefühl für seine Hilflosigkeit im Angesicht der Tragödie.

Beide Stücke, also "Cavalleria Rusticana" und "Bajazzo", siedelt Isabella Gregor im selben Dorf an - neu ist das nicht, aber als dramatische Klammer nach wie vor bestens geeignet. Walter Vogelweider stellt es auf die Bühne: Da drängt schwarze Lava herein, als spiegelten einander gegenseitig die Seelen und der Vulkan, aber es ist, als wären die lauen Brisen getränkt vom Duft des Ginsters, ganz wie in einer italienischen Nacht. Andrea Hölzls Kostüme verweisen auf ein südliches Irgendwann, solche Geschichten können eben im Gestern wie im Heute geschehen.

Das alles hat der Falke erspähen können. Vielleicht war er aber auch nur (und wohl erfolglos) auf die Mauersegler aus, die bei "Cavalleria Rusticana" noch kräftig mitsangen: Die herrliche Atmosphäre einer Freiluftaufführung verbindet sich mit musikalischer Qualität auf internationalem Niveau!