Mit offenem Hemd: Maria Weiss als Adonis. - © Reinhard Winkler
Mit offenem Hemd: Maria Weiss als Adonis. - © Reinhard Winkler

Seit 21 Jahren laden die Donaufestwochen im Strudengau zu historischen Musiktheater-Abenteuern ein. Das oberösterreichische Festival bietet - nebst Konzerten Alter und Neuer Musik - Repertoire-Expeditionen in ferne Opernzeiten. Mit der heurigen Musiktheaterproduktion entführt Intendantin Michi Gaigg ins Hamburg des ausgehenden 17. Jahrhunderts. "Der geliebte Adonis" heißt das deutschsprachige "Singe-Spiel", das in hanseatischer Präzision die Themen Liebe und Eifersucht durchdekliniert. Das Werk basiert auf einem geschmeidig parlierenden Libretto des Hamburger Gelehrten Christian Heinrich Postel. Vertont hat es der 23-jährige Reinhard Keiser im Jahr 1697. Er sollte in späteren Jahren gemeinsam mit Georg Philipp Telemann das Opernleben Hamburgs dominieren.

Erzählt wird eine Geschichte aus Ovids "Metamorphosen": das Schicksal des umschwärmten Jünglings Adonis, dessen irdisches Leben tragisch endet, aber vegetativ verlängert wird. Das Unglück nimmt seinen Lauf, als sich Göttin Venus unsterblich in den Sterblichen verliebt. Adonis zieht damit die Eifersucht des Kriegsgottes Mars auf sich. Dieser verwandelt sich in einen Eber und tötet Adonis bei der Jagd. Der Schöne erfährt die Auferstehung als Rosenbusch.

Leichte Frauenstimmen

Man setzt in Grein auf leichte Frauenstimmen. Das ermöglicht filigrane Linien, reduziert jedoch das Spektrum musikalischer Effekte. Die Solistinnen haben fließend rhythmisierte Rezitative und an italienischen Vorbildern orientierte Melodien zu bewältigen: Maria Weber agiert als Venus mit reduziertem Bewegungsrepertoire. Ihre Stimme wirkt delikat, aber wie mit gezogener Handbremse geführt. Maria Weiss zeigt den Adonis als Abklatsch männlicher Klischees: eine Projektionsfigur für weibliche Fantasien, mit Fliegerbrille und offenem Hemdkragen. Gesanglich lässt Weiss mit sicheren Koloraturen aufhorchen. Der halbstarke Adonis hat zwei weitere Verehrerinnen: Marelize Gerber gibt die rachsüchtige Dryante. Ihre Stimme wirkt wenig fokussiert, in der Höhe verlässt sie die Kraft. Schade, denn sie könnte sich mit einer gewaltigen "Zorn und Wut"-Arie profilieren. Dieser mit dramatischem Biss komponierte Ausbruch zeigt, dass Mozarts Königin der Nacht aus musikhistorischer Sicht nicht vom Himmel gefallen ist. Anna Willerding sticht als Eumene aus dem Damen-Ensemble hervor; klar, präsent und klangschön führt sie ihre Stimme.

Die Herren haben in dieser Produktion die Nase vorn: Michael Wagner ist ein markiger Mars, sein abgerundeter Bass vermag spielend den Renaissancehof von Schloss Greinburg zu füllen. Mit weicher Tenorstimme überzeugt Ulrich Cordes (Philistus). Tenor Markus Miesenberger ist ein höchst textdeutlich singspielender Gelon. Er agiert hier darstellerisch in einer eigenen Liga. Gelon ist ein clownesker Spaßmacher, ein desillusionierender Kommentator.

Manuela Kloibmüller steht als Regisseurin vor einer Herausforderung: Das Werk hat viele reflektierende Solo-Arien, aber wenig Handlung. Kloibmüller siedelt mit Bühnen- und Kostümbildnerin Isabella Reder die Handlung im Wanderzirkus-Milieu an. Das sorgt für sympathische Unmittelbarkeit. Über weite Strecken wirken die Darsteller jedoch alleingelassen mit einigen wenigen Ideen, die sie zu perpetuieren haben.

Dirigent Erich Traxler gibt der Aufführung Halt. Er leitet mit dem Euridice Barockorchester der Anton Bruckner Privatuniversität Linz ein von Michi Gaigg und Carin van Heerden initiiertes Nachwuchsensemble. Das Debüt als Opernorchester gelingt bravourös. Traxler setzt auf federnde Rhythmik und zelebriert mit den jungen Musikern die vertrackten Taktwechsel der Partitur virtuos.