Allerdings gilt der Einwand nur in einem engen Kosmos: Bei einer extrem ausgedehnten Fixsternsphäre würden die bewegungsbedingten Verzerrungen unter die Wahrnehmungsgrenze rutschen. Wohl deshalb spricht sich Aristarch für ein geradezu unvorstellbar gigantisches Universum aus. Selbst der Radius der Erdbahn mutet darin bloß noch wie ein Punkt an.

Ohne jede Chance

Laut Plutarch rief ein Philosoph die Griechen auf, Aristarch wegen Gottlosigkeit anzuklagen - weil dieser den "Herd des Kosmos" aus der Mitte rücken wollte. Ob es wirklich zu einer solchen Anklage kam, ist fraglich. Den meisten Zeitgenossen wird seine sonnenzentrierte Idee völlig abwegig erschienen sein. Die jährliche Jagd der Erde um die Sonne müsste man doch spüren, konterten sie wahrscheinlich; ebenso die schwindelerregend schnelle Drehung um die eigene Achse: Wolken würden dann am Himmel zurück bleiben und ein kerzengerade hochgeschossener Pfeil fiele weit hinter dem Schützen herab; der auffliegende Vogel fände sein Nest nicht wieder. Kopernikus und Galilei werden sich später mit den gleichen Einwänden herumschlagen müssen.

Aristarch setzt sich daher nicht durch. Die allgemeine Weltanschauung bleibt bei einer zentralen, ruhiggestellten Erde und einem überschaubar dimensionierten Kosmos. Allerdings zweifeln Astronomen nun nicht mehr an der enormen Sonnengröße. Selbst Claudius Ptolemäus, der das himmelskundliche Wissen der Antike um 150 n. Chr. in Alexandria zusammenfasst, geht von einem gewaltigen Sonnenball aus. Für ihn ist das aber kein Widerspruch: Denn laut der aristotelischen Naturphilosophie besteht nur die Erde aus schweren Elementen. Die Gestirne sind hingegen aus einer exklusiven fünften Substanz geformt - ideal, unvergänglich, weder schwer noch leicht. Aristoteliker stört es also nicht, wenn die mächtige, schwerelose Sonne um die kleine, schwere Erde kreist.

Dank Aristoteles und Ptolemäus überdauern die antiken Dogmen lange Zeit. 1800 Jahre nach Aristarch entwickelt Nikolaus Kopernikus aber neuerlich ein Weltbild, das die Sonne ins Zentrum stellt. Der Fromborker Domherr kennt Aristarch. Er erfährt von ihm möglicherweise aber erst, als er den großen Perspektivenwechsel schon selbst vollzogen hat.

Im Manuskript seines Hauptwerks erwähnt Kopernikus den alten Griechen noch; in der gedruckten Version von 1543 fehlt dieser Hinweis. Mit der Herausgabe sind damals der Vorarlberger Georg Joachim Rheticus und der protestantische Geistliche Andreas Osiander betraut: Vielleicht wollen sie niemand anführen, der mutmaßlich ebenfalls in den Geruch der Gottlosigkeit gekommen ist. In jedem Fall hinterlässt Kopernikus nicht nur eine sonnenzentrierte Idee , sondern eine bis ins Detail durchgearbeitete Lehre - das unterscheidet ihn von seinem antiken Vorreiter.

Zu kurz gegriffen

So unbegreiflich weit das Universum des Aristarch seinen Zeitgenossen auch erschienen ist - seine Vorstellung griff dennoch viel zu kurz. Seine Winkelmessung hätte ganz exakt zum Zeitpunkt des ersten oder letzten Mondviertels erfolgen müssen. Doch dieser Termin lässt sich mit dem Auge nur grob abschätzen. Aristarch irrte sich anscheinend um ganze sechs Stunden. Wie der österreichische Astronomiehistoriker Konradin Ferrari d´Occhieppo meinte, wird er solche Termine daher nicht durch Beobachtung bestimmt, sondern vorherberechnet haben.

Doch mit den damals gültigen Prämissen und den vorhandenen Messgeräten hätte er die nötige Genauigkeit niemals erzielen können. In Wahrheit beträgt der himmlische Winkel zwischen dem halb beleuchteten Mond und der Sonne nicht 87, sondern 89,853 Grad. Sie ist nämlich nicht 19, sondern 389 Mal weiter entfernt als der Mond! Daher übertrifft sie den Durchmesser unserer Welt nicht ums Sechs- bis Sieben-, sondern ums 109-Fache! Und im Sonnenball fänden nicht bloß 300, sondern 1,3 Millionen Erden Platz!

Um diese riesige Sonne auf scheinbare Mondgröße schrumpfen zu lassen, muss man sie 150 Millionen km weit wegrücken - das ist der Radius der Erdbahn. Die antike "Sphäre" der Fixsterne gibt es nicht mehr. Die kosmischen Lichter weilen in höchst unterschiedlicher Distanz. Doch selbst der allernächste Stern ist 268.000 Erdbahnradien entfernt. Solche Dimensionen erschlossen sich erst lange nach Erfindung des Fernrohrs. Was Aristarch dazu gesagt hätte, können wir nur vermuten. Er starb um 230 v. Chr., vielleicht in Alexandria.