Sein Markenzeichen war Vorsicht, sein Name Agent Nummer 25: Nicht einmal seine russischen Auftraggeber wussten, wer sich hinter ihrem Top-Informanten verbarg.

100 Jahre ist es her, dass sich Oberst Redl wegen Hochverrats das Leben nahm – besser gesagt: nehmen musste. Über Jahre hinweg hatte er brisantes Material an Russland verraten, am 24. Mai 1913 erschoss sich der k.u.k. Generalstabschef des 8. Korps in Prag und ehemalige Vize-Chef des Evidenzbüros im Hotel Klomser in der Wiener Herrengasse.

Ein letztes Mal musste er sich einreihen: Redls sterbliche Überreste liegen bis heute am Zentralfriedhof - nahe den Kriegsgräbern. 1944 wurde das Grab neu vergeben, seine Überreste blieben aber in der Gruppe 79 Reihe 27 Nr. 38. - © J. Kerviel
Ein letztes Mal musste er sich einreihen: Redls sterbliche Überreste liegen bis heute am Zentralfriedhof - nahe den Kriegsgräbern. 1944 wurde das Grab neu vergeben, seine Überreste blieben aber in der Gruppe 79 Reihe 27 Nr. 38. - © J. Kerviel
Oberst Redl kannte die Nachrichtenquellen des k.u.k. Armeekommandos.
Oberst Redl kannte die Nachrichtenquellen des k.u.k. Armeekommandos.

Zum Verhängnis war dem sonst so Achtsamen eine seiner konspirativen Korrespondenzen geworden: Ein an sein Pseudonym Nikon Nizetas am Wiener Hauptpostamt hinterlegter Brief brachte die Behörden auf seine Spur. Als Redl das Schriftstück abholte, hefteten sich Detektive an seine Fersen. Diese führten ihn in sein Hotel, wo ihn wenig später seine Vorgesetzten aufsuchten, zur Rede stellten und zur Selbstentleibung nötigten.

Redl war kein Sparefroh, er spionierte nicht auf Vorrat: Er besaß mehrere Rennpferde, kaufte Autos, und pflog einen exzentrischer Lebensstil. Und ein solcher kostete viel Geld, vor allem Schweigegeld: So fand man in seiner Prager Wohnung Spuren üppiger Dekadenz und kompromittierende Fotografien von ihm und andern Männern im Adamskostüm. Schnell war klar: Redl wurde erpresst – allerdings nicht, wie lange Zeit kolportiert, von russischen Agenten, sondern von seinen Geliebten und Angebeteten. In einer solchen Situation war er geradezu ideale Zielperson für feindliche Spionage.

Die Entlohnung von Agenten war gegen Ende der Monarchie sehr schlecht, ein Umstand, den feindliche Mächte wie Russland geschickt auszunutzen wussten, klagte Maximilian Ronge, Schüler Redls und später selbst Spion. Die magere Finanzierung war seit der Gründung des mit Spionage beauftragten Evidenzbüros im Jahr 1850 Begleiterscheinung des Nachrichtendienstes. Aber das war nicht immer so. Mehr als hundert Jahre vorher durften sich die Kundschafter noch einer hohen Gage erfreuen.

Maria Theresia hatte bereits den Nutzen von professionellen Informanten erkannt, aber erst unter ihren Söhnen Joseph und Leopold wurde ein eigener Kundschaftsapparat geschaffen, der die geheime Polizei und die vielen "Schmeißfliegen", wie die zivilen Spitzel in den Kaffee- und Wirtshäuser genannt wurden, ergänzen sollte. Und ein solcher war auch erforderlich geworden: Napoleon hatte der Donaumonarchie ja schmerzhafte Niederlagen zugefügt, allem voran durch seine geschickten Spione.

Ein Franzose war es auch, der die Blaupause für die Organisation künftiger Geheimdienste lieferte. Joseph Fouchés Geheimpolizei war im Zuge der Französischen Revolution entstanden und nach einem klaren strategischen Konzept als eigenständiger Apparat aufgebaut, seine Informanten bekamen sogar ein regelmäßiges Gehalt. Fouché gelang es ferner, sich wie ein Aal durch die Jahre zu mäandern: zuerst als  Revolutionär und Freund Robespierres, dann als Unterstützer und Widersacher Napoleons und zum Schluss als Polizeiminister unter Ludwig XVIII. Allerdings galt er zum Schluss aufgrund seiner Wendungen als politisch unglaubwürdig und landete als Günstling von Kanzler Metternich schließlich in Triest, wo er 1820 im Alter von 61 Jahren starb.

Totengräber der Monarchie?

Spione in den eigenen Reihen, noch dazu so ranghohe wie Redl, das war eine schwere Niederlage für das pedantische Geheimdienstwesen Österreich-Ungarns. Doch war Redl wirklich der Totengräber der Monarchie, wie es das kollektive Gedächtnis bis heute tradiert? Fest steht: Redls Spionage verursachte weniger Verrat als bisher angenommen. Seine weitergeleiteten Informationen umfassten unter anderem Mobilisierungsanweisungen für Italien und Russland aus den Jahren 1912/13 sowie die Schlachtordnung für den Balkan 1913/14 im Falle eines Krieges. Russland hatte dadurch sicherlich einen ungeheuren Wissensvorsprung, vor allem was die Konzentration der österreich-ungarischen Armee und der k.u.k. Korps in einem möglichen Krieg anging. Viele Informationen gingen auch an Frankreich und Italien.

- - © J. Kerviel
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Aber dass der Russland-Feldzug wegen Redls sogenannter Meisterspionage gescheitert wäre, ist schlichtweg falsch. Denn spätestens Ende 1913, Anfang 1914 hatten sich die Parameter der Kriegskalkulationen des Generalstabes wieder geändert, vor allem vor dem Hintergrund neuer militärischer Überlegungen. Dass es für die Donaumonarchie während des Kriegs ganz und gar nicht nach Wunsch verlief, lag vor allem aber an der verspäteten Operationsbereitschaft sowie an der langsamen Mobilisierung von Teilen der in Serbien stationierten Truppen Richtung Russland.

Am frühen Nachmittag des 28. Mai fand bei hochsommerlichen Temperaturen und unter Anwesenheit von Familienangehörigen Redls Begräbnis statt. Als wenige Tage später die Öffentlichkeit davon erfuhr, machte sich eine wütende Menge zum Zentralfriedhof auf und verwüstete sein Grab. "Der gehört auf einen Misthaufen und nicht in ein ehrliches Grab", riefen die aufgebrachten Friedhofsbesucher.

Der Mythos Redl allerdings lebt weiter, Oberst Redls Verrat wurde viel Aufmerksamkeit und Hysterie geschenkt, wohl auch wegen der Geheimnistuerei der österreichischen Behörden: Er war natürlich nicht der einzige Spion und die "Spionitis" grassierte nicht nur zur Beginn des 20. Jahrhunderts in der Donaumonarchie.

Und aufgebauscht wurden auch andere Agentengeschichten, wie die Legenden  rund um den mutigen Türkisch-Dolmetscher Georg Franz Kolschitzky zeigen. Seinen Sprachkenntnissen hatte dieser es wohl zu verdanken, dass er ab Juli 1683 während der Belagerung durch die osmanische Armee den Kontakt zwischen Wien und der Außenwelt aufrecht hielt und nicht nur so ganz nebenbei durch sein Hin und Her nachrichtendienstliche Tätigkeit ausübte. Kolschitzky wusste seine Person auch geschickt zu vermarkten, nannte sich gar der zweite Kolumbus, indem er seine Taten für Wien mit der Entdeckung Amerikas verglich.

Bei so viel Größenwahn verwundert es kaum, dass den Phantasien rund um seine Person keine Grenzen gesetzt waren. So wird dem mutigen Mann aus der heutigen Westukraine noch heute nachgesagt, dass er in Wien das erste Kaffeehaus eröffnet hätte. Wahr ist allerdings, dass der stetige Umsatz an Kaffeebohnen in einem dafür errichteten Haus zwei Armeniern, nämlich Johannes Diodato und Isaac de Luca, zu verdanken ist. Ironie der Geschichte ist allerdings, dass beide ebenso wie Kolschitzky dem Agentenzirkel angehörten und mit dem Café eine Einrichtung schufen, die in Wien zum Umschlagplatz für Gedankenaustausch schlechthin wurde. Und dass sie damit den Grundstein für eine Entwicklung legten, die noch eineinhalb Jahrhunderte später Polizei, Politik und Postl beschäftigen sollte.

Phantastische Netze

"Professoren sind von Amts wegen Spione. (…) Da die Regierung alles getan hat, um die Wiener von ernster oder geistiger Betätigung abzuhalten, so sind der Prater, die Kaffeehäuser und das Leopoldstädter Theater die einzigen Ziele ihres Denkens." Als freisinniger, den Idealen der Aufklärung verpflichteter Antimonarchist sah Carl Postl, wohl besser bekannt als Schriftsteller namens Charles Sealsfield, für ein Europa der Restauration keine Zukunft. Mit seiner berühmten Satire "Austria as it is" konnte er Fürst Metternich mit Freude eins auswischen, sein Versuch, sich als vermeintlicher Doppelspion beim repressiven Kanzler anzubiedern, scheiterte allerdings, die Bonapartisten blieben seine einzige Auftraggeber.

Nicht alle Informanten in der Geschichte der Habsburgmonarchie sind bis heute in Erinnerung geblieben wie Postl, Redl, Ronge oder Kolschitzky wenngleich die Vitae anderer Spione nicht minder aufregend verliefen: Dazu zählt zum Beispiel der Marathonläufer der Spionage, der 1841 geborene August Freiherr Schluga von Rastenfeld. Als Agent Nummer 17 spionierte er meist als Zeitungskorrespondent getarnt 46 Jahre lang für Preußen. Eine seiner nachhaltigsten Taten: Vor der Entscheidungsschlacht von Königgrätz 1866 gab er wichtige Details über die Truppenbewegungen der Österreicher an die Preußen weiter. Ein kürzeres Leben hingegen war wiederum dem Informanten Johann Michael von Klement beschert, der wegen gefälschter Dokumente am 18. April 1720 im Alter von 31 Jahren am Galgen vor den Toren Berlins endete.

Spione, das weiß man spätestens seit James Bond, riskieren nicht nur Haut und Haar und knüpfen ein Netz aus Phantasie und Täuschung. Oder sie werden darin verknüpft. Über das Innenleben der Spione weiß man oft nur wenig, ebenso wie über ihre wirklichen Motive. Für die Öffentlichkeit allerdings ist schnell klar: Ein Spionagefall ist aufregend und unterhaltsam, so wie ein Krimi, der wahr geworden ist und der dem Beobachter einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Macht erlaubt. Dass die Darstellungen darüber oft vereinfachend sind und einem einfachen Freund-Feind-Schema folgen, das stört kaum, wie das Beispiel Redl bis heute zeigt. Von der Beziehung zur historischen Wahrheit ganz zu schweigen.

Erschienen im Wiener Journal vom 22. Februar 2013