Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte
Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte

Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen, ließe sich Gold im Wert von zehn Millionen Euro extrahieren, heißt es in der Mobilfunkbranche. Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was sich aus ungenutzten Rohstoffen auf Deponien oder in abgerissenen Häusern gewinnen ließe. Laut der TU Wien kommen in der Hauptstadt auf einen Einwohner circa 4500 Kilo Eisen, 340 Kilo Aluminium, 200 Kilo Kupfer, 40 Kilo Zink und 2012 Kilo Blei. So überrascht es kaum, dass sich Wissenschafter und Glücksritter der Bergung dieser brachliegenden Schätze verschrieben haben.

"Das Wertvollste ist der Staub", sagt Stefan Konetschnik. Vor ihm liegt ein Häufchen, das an eine moderne Kunstinstallation erinnert, das man aber auch schlicht als Mist bezeichnen könnte. Roséfarben glänzende Kupferdrähte sind zu sehen, verkohltes Plastik und allerlei Undefinierbares. Doch tatsächlich: In dem schwarzen feinen Staub glitzert es hier und da ein wenig. In dem Konglomerat verstecken sich winzige Goldpartikel und andere Edelmetalle. Und diese will die 2014 gegründete Firma Urban Gold sich zunutze machen.

Geschäftsführer Stefan Konetschnik hält einen in die Jahre gekommenen Taschenrechner in der Hand und erklärt: "Auf den ersten Blick ist da nicht viel drin. Ein bisschen Kupfer, ein paar Edelmetalle. Deshalb ist sowas für das konventionelle Recycling nicht interessant."

Alte Computer werden in Europa zum Großteil verbrannt

In vielen Geräten werde zwar zum Beispiel Gold verwendet, um die Leitfähigkeit der Kontakte zu verbessern und zu verhindern, dass sie korrodieren, doch die Mengen seien verschwindend gering. Entsprechend aufwendig ist das Verfahren, mit dem man die einzelnen Bestandteile trennen und extrahieren kann. Und das funktioniert im Groben so: Der gesamte Schrott wird erst geschreddert und dann bei circa 1300 Grad Celsius geschmolzen. Unterschiedliche Plastiksorten lassen sich dann nicht mehr trennen, sie verbrennen und beheizen den Prozess.

Aus den verschiedenen Metallsorten entsteht erst einmal eine Mischform, die einzelnen Edelmetalle können aber dann mithilfe chemischer Prozessen getrennt werden. Die Einzelheiten dieses Prozesses bleiben selbstverständlich das Geheimnis der Leobener Firma. Klar ist: das Verfahren ist kompliziert und erfordert viel Know-how.

In Westeuropa landet deshalb noch immer ein großer Teil der alten Computer und anderen ausrangierten Elektrogeräte in der Müllverbrennung. In vielen anderen Ländern der Welt endet er sogar auf Mülldeponien und verpestet die Umwelt. Viele alte Elektrogeräte enthalten giftige Stoffe wie Brom, Phosphor oder Cadmium. Auch Gifte wie Quecksilber oder Arsen können durch die Lagerung in Boden und Grundwasser gelangen. Ein Problem, das vor allem Schwellenländer in Afrika, Lateinamerika oder Asien trifft, in denen ein großer Teil des in den Industrienationen anfallenden Elektromülls landet.

Zwar wird Elektroschrott in Österreich nicht in Deponien gelagert, doch auch hierzulande ist die Verwertung nicht optimal: Fast das gesamte vorsortierte und geschredderte Material wird ins Nachbarland Deutschland transportiert.

Kleine dezentrale Anlagen statt riesigen Recyclingzentren

Das will das Recycling-Start-Up Urban Gold ändern. Die Idee: Eine neue Technologie soll es ermöglichen, in vergleichsweise kleinen, dezentralen Anlagen Elektroschrott zu verwerten. In ganz Europa gibt es derzeit nur drei riesige Anlagen, in denen alte Elektrogeräte recycelt werden: in Deutschland, Belgien und Schweden. Die von Urban Gold entwickelte Technologie soll es bald möglich machen, in ganz Europa kleinere Anlagen zu errichten. "Wobei klein etwas untertrieben ist", lacht Geschäftsführer Stefan Konetschnik. Die neuen, sogenannten "Kompaktanlagen" haben in etwa die Größe von drei Fußballfeldern.

Für den gesamten Elektroschrott, der in Österreich anfällt, würde eine einzige Anlage ausreichen. Doch Urban Gold schielt schon längst auf Märkte jenseits der Landesgrenzen. Ende 2018 soll die erste Anlage nach Leobener Design in Moskau in Betrieb gehen. Auf die entsprechende Pressemeldung folgte etwas, das Stefan Konetschnik als "passives Telefon-Marketing" bezeichnet: Es trudelten Anfragen aus der ganzen Welt ein, die sich für solch eine Recycling-Anlage interessierten. Aus Indien, den USA, Großbritannien, Spanien und Deutschland seien Anrufe gekommen, erzählt der Firmenchef.

Dabei ist die Firma erst im Entstehen und besteht aus nur wenigen Mitarbeitern. Händeringend suche man jetzt nach personeller Verstärkung aus den Bereichen Maschinenbau und Metallurgie, erzählt Stefan Konetschnik beim Besuch der "Wiener Zeitung" im Büro in der Leobener Innenstadt. Genau in diesem Moment klopft es an der Tür. Ein Student der Recyclingtechnik steht davor. Er ist im ersten Semester an der Montanuniversität Leoben, hat dort schon viel von Urban Gold gehört und würde gerne ein Praktikum bei den Recycling-Pionieren machen.

Auch die Geschichte des Unternehmens beginnt an der Leobener Uni: Hier wurden die ersten Experimente für die mittlerweile zum Patent angemeldete Recycling-Technologie durchgeführt. Als sich dann herauskristallisierte, dass die Idee Schule machen könnte, gab es finanzielle und andere Unterstützung vom Gründerzentrum der Uni.

Derzeit sucht das aufstrebende Unternehmen nach einem neuen Standort. Die Firma muss bei weiterem Wachstum entweder in ein bestehendes Gebäude übersiedeln oder ein neues Firmenzentrum errichten. Erste Gespräche mit dem Bürgermeister haben bereits stattgefunden, verrät Stefan Konetschnik. Spruchreif sei allerdings noch nichts.