Wien. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Kein Wunder. Es ist ein Unterschied, ob ich bei explodierenden Mieten der Mieter bin oder der Unternehmer, der mit seinen Gewinnen Immobilien kauft; es ist ein Unterschied, ob ich in der Krise Leiharbeiter am Schleudersitz bin oder Bankmanager, der durch die Bankenrettung sicher im Sattel sitzt. Zeit für Umverteilung vom Unternehmer zum Mieter, vom Manager zum Leiharbeiter!

Wirklich? Österreich ist "Umverteilungsweltmeister", wirft der wirtschaftsliberale Think-Tank "Agenda Austria" ein. Das unterste Einkommensdrittel beziehe über 50 Prozent seines verfügbaren Einkommens aus Sozialhilfe, Wohnbauhilfe, Pflegegeld, Bildungsleistungen oder Familienbeihilfen. Gleichzeitig würden die obersten sieben Prozent knapp 50 Prozent aller Lohn- und Einkommensteuern zahlen.

In Kuba sind fast alle gleich

Außerdem: Wie sozial soll Österreich noch werden? Der "Gini-Koeffizient", der die Ungleichheit misst, weist Österreich als eines der egalitärsten Länder der Welt aus. Noch gleicher sind die Menschen in Kuba oder Nordkorea - gleich arm.

Für den Think-Tank, der mit "Mythen" wie der bösen Arm-Reich-Schere aufräumen möchte, ist die Dynamik in einer Volkswirtschaft wichtiger als der Grad der Umverteilung. Die Theorie dahinter: Wächst die Wirtschaft kräftig, steigt das Wohlstandsniveau aller - wenn auch für die Reichen rascher als für die Armen. Als Beispiel für produktive Ungleichheit führt die Agenda China an. Dort haben sich die Reichen seit den 80er Jahren raketenartig von den Armen entfernt, und was ist passiert? Nirgendwo sonst entkamen trotzdem so viele Millionen Menschen der Armut - Schere hin oder her.

Als Fazit könnte man sagen: Lasst die Reichen doch rascher reich werden, wenn die Armen davon profitieren. Umgekehrt: Nehmt den Besserverdienern noch mehr weg und die Armen werden darunter leiden. Denn dann sind die Kräfte, die das Niveau für alle heben, geschwächt und alle verlieren.

Im ORF-"Zentrum" klagte eine Unternehmerin, dass ihr ein Gehalt von 1200 Euro netto für ihre Mitarbeiter inklusive aller Abgaben 2700 Euro koste. Sie gehört ebenso wie der Bankmanager zu den "Nettozahlern", aus deren Steuern sich die Sozialtöpfe für die ärmeren Mitbürger speisen. Noch mehr Umverteilung, ist die Agenda überzeugt, würde die Leistungsbereitschaft dieser Nettozahler gehörig beschneiden.