(aum/nm) Joseph Francois ist die Koryphäe auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Nutzenanalyse eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA. Auf seine Studie berufen sich die Prognosen in Europa. Doch auch die Studie in den USA, die von der amerikanischen Handelskammer in Auftrag gegeben wurde, beruht auf seinen Methoden, denn die Leute, die sie angestellt haben, wurden von Francois ausgebildet und arbeiteten mit ihm zusammen.

"Wiener Zeitung":Wie kam es zu Ihrem Analyse-Modell?

Joseph Francois: Grundsätzlich ist es eine neue Erfahrung für die USA, dass man vor den Verhandlungen - abseits dessen, worüber man sprechen will - wirtschaftliche Analysen anstellt und nicht nur auf das achtet, was Lobbyisten sagen. Das hat schon bei den Verhandlungen mit Japan begonnen, dass man sich zuerst gemeinsam überlegt hat, wo die Gewinne liegen könnten, wo Hemmnisse liegen und dementsprechend die Agenda gesetzt hat.

Können Sie beispielhaft erklären, wie das Modell funktioniert?

Ja, nehmen wir zum Beispiel Stahl. Ich kann Stahl nicht für sich allein betrachten; ich muss es in Verbindung mit Maschinenbau, Autos, Elektrotechnik und Lebensmittelproduktion bringen. Denn die Nachfrage nach Stahl hängt davon ab, was unten bei der Produktionskette passiert. Es hängt auch von der Kohleversorgung ab. All das muss man gleichzeitig betrachten. Im TTIP gibt es einen Sektor für Computer und Elektrotechnik. Nun sind so gut wie alle Zölle in dem Sektor seit einem Abkommen aus den 90er Jahren bei null. Das heißt, direkt passiert nicht allzu viel. Aber weil der Sektor andere Sektoren bedient und weil er um Arbeitskräfte und Kapital mit anderen Sektoren konkurriert, gibt es dennoch starke Auswirkungen. Wenn zum Beispiel die Autoindustrie expandiert, dann müssen die Arbeitskräfte irgendwoher kommen. Die Sektoren ziehen untereinander Arbeitskräfte ab. Das Modell berechnet, wie sich alles verändert, wenn man eine Variable ändert; wie die Produkte neu verteilt werden, wie sich die Handelsflüsse ändern etc.

Trägt Ihr Modell sensiblen Punkten wie der Öffnung amerikanischer Häfen oder der Zulassung von GVO Rechnung?

Beides sind bei TTIP nicht Punkte, die das große Geld bringen. Nicht einmal Dienstleistungen sind es, obwohl beide Volkswirtschaften 70 Prozent Dienstleistung zu verzeichnen haben. Der Bankensektor wiederum wird seit der Krise behandelt und die Lösung kommt aus einer anderen Ecke - hoffentlich. Worum es vor allem geht, ist die Produktion. Bei der Art und Weise, wie etwas produziert wird, hat sich am meisten verändert. Bis ins 19. Jahrhundert ging alles um Protektionismus. Mit Handelsbarrieren sorgte man dafür, dass sich die eigene Industrie schneller entwickelt. Heute führt Protektionismus dazu, dass man nicht konkurrenzfähig ist. Wir haben uns von der Produktionshalle, in der ein Produkt hergestellt wird, hinbewegt zu einer Produktion, bei der Einzelteile aus aller Welt zusammengesetzt werden. Und da liegt der große Vorteil gemeinsamer Standards.

Wie viel wird das Abkommen Ihrer Meinung nach wirklich bringen: Mit welchen Zahlen kann man vernünftigerweise rechnen?

Eine Lehre aus der Modellrechnung: Wenn es nur um Zölle ginge, wäre es die Anstrengung nicht wert. Dasselbe gilt, wenn es nur um Dienstleistungen ginge, da sind beide Volkswirtschaften schon ziemlich offen. Erst wenn man die gemeinsamen Standards mit hineinnimmt, beginnt es sich auszuzahlen.