Was ist eigentlich das Gefährliche an einer niedrigen Eigenkapitalquote?

Lassen Sie mich die Formulierung umdrehen. Warum ist eine so hohe Fremdkapitalquote bei Finanzierungen so gefährlich? Denken wir an einen Turm aus Bauklötzen. Je höher ich diesen Turm aufbaue, desto labiler wird er. Ein System, das auf Schulden aufgebaut ist, kann sehr leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Das Beispiel ist etwa Zypern. Dort ist das gesamte Bankensystem zusammengekracht. Dabei ging es gar nicht um hochkomplexe Derivate oder gebündelte, strukturierte Hypotheken-Papiere wie in der Subprime-Mortgage-Krise in den USA, sondern schlicht um sehr, sehr einfaches, aber sehr, sehr dummes Banking. Man zieht Gelder aus Russland an, verspricht vier oder mehr Prozent Zinsen auf Einlagen. Dieses Geld stecken die Banken dann in griechische Staatsanleihen, die hohe Zinsen bieten, doch plötzlich geht es: Bumm! Und die ganze Sache fliegt in die Luft.

Im Vergleich zu den USA ist der Finanzplatz Europa viel stärker von Banken abhängig. Welche Konsequenzen hat das?

Die Banken haben in Europa nicht das geringste Interesse, das Finanzsystem weiterzuentwickeln. In den USA haben wir viel liquidere, aktivere Anleihe- und Aktienmärkte. In Europa steht das Bankensystem im Zentrum der gesamten Ökonomie. Wenn die Banken dann schwächeln, zieht das die gesamte Wirtschaft runter. Die enge Verquickung von Banken und Politik ist ein weiteres Problem: Banker können jederzeit die Nummer des Kanzlers, Premiers oder Präsidenten wählen und finden Gehör. In der jüngeren Vergangenheit haben die Banker immer wieder die Politik erpresst, haben gesagt, wenn die Politik dieses oder jenes reguliert, dann können die Banken kein Geld mehr verleihen. Dabei liegt das wahre Problem in schlechter Bankenregulierung: Es gibt heute in Europa einige Zombie-Banken, die eigentlich erledigt sind und keine Kredite mehr vergeben können, weil schlicht kein Geld vorhanden ist. Wenn man aber zulässt, dass Banken ihre Verluste nicht realisieren und als untote Finanzinstitute herumgeistern, dann lähmen diese Institute die gesamte Wirtschaft. Die zweite Gefahr: Durch die impliziten Garantien der öffentlichen Hand wurde über die Jahre die Risikobereitschaft gefördert.

Welche Folgen hat dies Ihrer Meinung nach?

Manche Banker sind süchtig nach Risiko geworden. Wenn ich nämlich mit Fremdkapital operiere und die Schulden ohnehin schon gemacht worden sind, dann nehme ich ein höheres Risiko in Kauf. Das führt zu einer völligen Verzerrung. Diese Banker könnten das dann so sehen: Wenn sie in etwas Gutes, Solides mit geringem Risiko investieren, dann schenken sie aus dieser Sicht den Gläubigern Geld. Bei einem riskanten Investment mit geborgtem Geld muss mein Gläubiger das Risiko mittragen, den Großteil der nun aber viel höheren Gewinnmarge - mehr Risiko bedeutet fast immer auch mehr Gewinn - nehme ich aber selbst mit. Jeder, der viel Geld aufnimmt, wird also risikoreiche Investitionen machen, auch wenn Sie vielleicht schlecht fürs Geschäft sind.

Die wichtigste Aufgabe von Banken und der Finanzdienstleistungsindustrie ist die Kapitalallokation. Wir hoffen, dass Banker wissen, wo und wie Geld am produktivsten für uns arbeitet.

Die Aufgabe des Finanzsystems ist es, Kapital dorthin zu lenken, wo es am produktivsten "arbeiten" kann. Gleichzeitig muss das Risiko abgeschätzt und auch verteilt werden. Wir brauchen das Finanzsystem. Wenn wir nämlich keine Banken haben, keine effizienten Zahlungssysteme, keine Versicherungen, keine Anlagemöglichkeiten, dann bleiben uns nur Mikrokredite oder Geldverleiher oder Ähnliches. Eine Volkswirtschaft ohne effizientes Banking kann ihr Potenzial nicht entfalten. Das Problem in Europa, Japan oder den USA ist aber, dass wir in diesem Sektor gewaltige Überkapazitäten aufgebaut haben. Banken und Finanzdienstleister entnehmen immer mehr aus dem Wirtschaftssystem, ohne aber ein Mehr an Produktivität zum System beizutragen.

Aber leider will sich niemand mit den Banken anlegen. Die Politik ist vor allem in Europa eng miteinander verzahnt und die Industrie braucht die Banken ebenso.