Viele der Zurückgelassenen füllen die Leere mit Alkohol und Drogen.
Viele der Zurückgelassenen füllen die Leere mit Alkohol und Drogen.

Washington. (apa) Das Erste, das man sieht, wenn man nach McDowell County hineinfährt, sind die verfallenen Häuser. Die Ruinen liegen an engen Straßen, die sich durch die Hügel von West Virginia winden. Es riecht nach Brennholz und kalten Nächten.

Vor 30 Jahren sperrten in McDowell die Kohleminen zu. Zehntausende verkauften ihre Häuser und zogen weg. Heute sind weniger als 20.000 Einwohner übrig, fast 100.000 waren es noch im Jahr 1950.

Viele der Zurückgelassenen füllen die Leere mit Alkohol und Drogen, erzählt Linda McKinney. "Ich glaube, die Untätigkeit ruiniert einem den Verstand."

Die gläubige Christin verteilt seit 2009 in dem entlegenen County Lebensmittel an Bedürftige. Sie habe ihr ganzes Leben hier gelebt und wisse dennoch nicht, wie es weitergehen soll, sagt McKinney. "Ich habe das Gefühl, in 20 Jahren wird unsere Gemeinde einfach nicht mehr da sein."

Die Kohleminen sind längst zu, der Ort Welch ist im Niedergang.
Die Kohleminen sind längst zu, der Ort Welch ist im Niedergang.

McDowell ist die kohlenschwarze Vergangenheit der USA. Ein Ring der Armut schließt sich um die ehemalige Werkbank Amerikas, von den Bergbaugebieten der Appalachen bis zur früheren Autometropole Detroit.

Der Abstand zwischen der Lebenswelt der armen Amerikaner und dem Rest des Landes wird immer größer. Die Enttäuschten fühlen sich machtlos gegen ihr Schicksal und wenden sich dem Republikaner Donald Trump zu. Ihre Hoffnungen können nur enttäuscht werden.

Die Kluft zwischen dem armen und reichen Amerika wird 500 Kilometer nordöstlich vom früheren Kohlerevier McDowell nur allzu deutlich. In der Nähe von Washington DC liegt eine neue Art von Reichtum im Boden vergraben.

Der Boom von Loudoun County

Loudoun County, das sind tief in den Hügeln versteckte Villen und Reihen um Reihen schmucker Einfamilienhäuser. Es riecht nach gemähtem Gras und frischer Farbe. Billige Immobilien lockten vor 30 Jahren große Telekom-Firmen aus Washington her. Seither wurden im County tausende Glasfaserkabel im Erdreich verlegt. "70 Prozent des weltweiten Internetverkehrs laufen durch Loudoun", prahlte eine Lokalzeitung.

Der IT-Boom brachte Einwohner und gutbezahlte Jobs. Seit 1990 bekommt Loudoun County jedes Jahr um fünf- bis zehntausend Einwohner dazu. Das mittlere Haushaltseinkommen liegt inzwischen bei über 100.000 Dollar im Jahr - höher als in Luxemburg, dem reichsten Land Europas.

Die Gegend sei schneller gewachsen, als irgendwer sich das vorstellen konnte, sagt Phyllis Randall. Die 52-Jährige wohnte schon vor Beginn des Booms in Loudoun County und steht seit einem Jahr als erste Afroamerikanerin dem Gemeinderat vor. "Ich könnte es mir heute nicht leisten, hier ein Haus zu kaufen", erzählt sie mit einem Schmunzeln.

Die Kluft zwischen Trumps Amerika und dem Rest ist nicht nur ökonomisch. Auch sozial und kulturell unterscheiden sich die Welt der rund 63 Millionen weißen Amerikaner ohne Collegebildung, der Kernwählerschicht Trumps, und der Rest des Landes immer stärker.

"Die Amerikaner sind mehr und mehr eingeschlossen in ihren ökonomischen Blasen, mit wenig Bewusstsein dafür, wie andere Leute leben", erklärt Richard Kahlenberg, ein Wirtschaftsexperte des linksliberalen Thinktank The Century Foundation.

Der Unterschied in den Lebenswelten ist in McDowell klar ersichtlich. Das ehemalige Kohlen-County hält eine lange Liste trauriger Rekorde: Männer werden im Schnitt nur 64 Jahre alt, der zweitniedrigste Wert in den USA. Ein Drittel der Bevölkerung lebt in Armut. Die Hälfte der Einwohner ist übergewichtig. Und es gibt mehr Drogentote als irgendwo anders im Staat West Virginia.

"Heroin der Hillbillys"

Probleme mit Alkohol und illegalen Substanzen ziehen sich hier von Generation zu Generation, erzählt die Helferin McKinney. "Die Kinder sehen es zuhause, und wenn sie heranwachsen wird es Teil ihres Lebens", erzählt sie.

Die Sucht zeichnet selbst die, die sie überleben. Den Stoff dafür liefert in den ärmsten Gebieten der USA die Pharmaindustrie, die von gelockerten Vorschriften zur Verschreibung von Schmerzmitteln profitiert. Vor zehn Jahren hatte Heather Wingate einen schweren Verkehrsunfall. Weil sie über Schmerzen klagte, drückte ein Arzt der damals 22-Jährigen eine Packung mit 180 Tabletten in die Hand, erzählt die junge Frau. Sie wurde abhängig von Schmerzmitteln. Bald landete sie bei Oxycontin, einem auch als "Heroin der Hillbillys" bekannten Mittel. "Ich hab ein paar üble Jahre der Drogensucht durchgemacht", sagt Wingate. Heute ist sie clean und lebt mit ihrem Mann Adam und zwei Kindern im Örtchen Davy in McDowell. Es ist nicht leicht für sie, hier Arbeit zu finden und ihre Familie zu erhalten, erzählt Wingate. Doch sie sei es den Kindern schuldig, darum zu kämpfen.

Vergebliche Hoffnungen

Im Kohlegebiet hoffen viele auf einen wirtschaftlichen Aufschwung - und glauben den vollmundigen Versprechen von Donald Trump. Der Republikaner setze sich für ein Comeback des Kohlebergbaus ein, darum stimme sie für ihn, sagt etwa Carol Peters, die Inhaberin von Raymond’s Restaurant im Städtchen Welch im Herzen McDowells.