Brüssel. In den EU-Institutionen und den europäischen Staatskanzleien hat der Wahlsieg von Donald Trump Entsetzen ausgelöst. Zwar wird die enge Beziehung zu den USA betont, und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat Trump zu einem Treffen eingeladen, doch das Misstrauen sitzt tief.

Immerhin polterte Trump noch vor wenigen Wochen recht heftig gegen die EU. Sein Wahlsieg würde einen "Brexit mal fünf" bedeuten, sagte er bei einer Wahlveranstaltung. Seine strikte Ablehnung des transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP verstärkte in Brüssel den Eindruck, die USA unter einem Präsidenten Donald Trump würden sich von Europa abwenden - und von der Welt abschotten.

Seine frauenfeindlichen und rassistischen Äußerungen brachten viele europäische Politiker auf die Palme. Trumps Wahlsieg wäre ein "Horrorszenario", so Junckers Kabinettschef Martin Sedlmayr. Nach dem Wahlsieg zeigte sich die deutsche Verteidigungsministerin Ursula van der Leyen "geschockt".

Druck von Trump und Putin

Das allerdings könnte auch andere Hintergründe haben. Trump erklärte, dass die Nato militärisch nur Mitgliedsländern beistehen soll, die ihrer Verpflichtung, zwei Prozent der Wirtschaftsleistung fürs Militär auszugeben, erfüllt. Deutschland liegt bei 1,3 Prozent. Die USA geben dafür 3,5 Prozent aus. Wenn Trump sein Versprechen umsetzt, würden die USA ihre Verteidigungsausgaben reduzieren, die europäischen Länder müssten sie erheblich aufstocken.

Neben der in der Nato entstehenden Unsicherheit gibt es also auch ein handfestes finanzielles Argument. Daneben befürchten die europäischen Länder, dass sich die USA aus dem Syrien-Konflikt zurückziehen könnten. Trump hat Derartiges im Wahlkampf angekündigt. Damit würde dort Russland freie Hand haben. Ob Trump den Atom-Deal mit dem Iran so belässt, ist ebenfalls unklar. In außenpolitischen Fragen hat ein US-Präsident weitgehend freie Hand.

Doch damit nicht genug, auch in wirtschaftspolitischen Fragen gibt es tiefgreifende Differenzen. Das Freihandelsabkommen TTIP etwa wird von Trump abgelehnt. Damit ist er auf einer Linie mit amerikanischen und europäischen Gewerkschaften, nicht aber mit der EU-Kommission. Die befürchtet vielmehr eine tiefergehende Abschottung des US-Marktes, nicht nur für chinesische, sondern auch für europäische Produkte. Diese Befürchtung wird in Berlin geteilt, Deutschland ist immerhin Exportweltmeister und wäre davon am stärksten betroffen. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich in einer ersten Stellungnahme denn auch besonders vorsichtig. "Der Wahlkampf in diesem Jahr war ein besonderer, mit zum Teil schwer erträglicher Konfrontation. Ich habe also, wie wohl die allermeisten von Ihnen, dem Wahlausgang mit besonderer Spannung entgegengesehen", sagte sie am Mittwoch. Sie knüpfte die Zusammenarbeit allerdings klar an die "Einhaltung demokratischer Werte" wie Freiheit und Menschenwürde. Der zur SPD gehörende Außenminister Steinmeier war unfreundlicher. Er warnte vor "Verwerfungen" und dass die USA künftig "häufiger allein entscheiden" würden.