Wien. Donald Trump ist der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und die ganze Welt fragt sich, wie das passieren konnte. Seine Kritiker wollen lange nicht glauben, dass sich Ressentiments, Xenophobie und Rückwärtsgewandtheit durchgesetzt haben. Warum ein Rüpel, der zugibt, Frauen belästigt zu haben, zumindest die nächsten vier Jahre der mächtigste Mann der Welt sein wird. Und zwar ein sehr handlungsfähiger. Denn die Republikaner stellen nicht nur den Präsidenten, auch das Repräsentantenhaus und den Senat werden sie nicht an die Demokraten abgeben. Damit kann Trump - mit allen Einschränkungen, die die US-Verfassung vorsieht - schalten und walten.

Das macht vielen Menschen in den USA und in der Welt Angst, denn Trump hat beispielsweise volle Verfügungsgewalt über die atomaren Codes einer Supermacht. Das heißt, er alleine kann entscheiden, ob er einen Atomkrieg beginnt oder nicht. Das erscheint wenig wahrscheinlich, doch wurde Trumps geschlagene Gegnerin Hillary Clinton in der Vergangenheit nicht müde zu betonen, dass Trump keinerlei Kontrolle über seine Affekte habe und schnell einmal den falschen Knopf drücken könnte. So ist es nicht verwunderlich, dass viele US-Bürger in der ersten Schrecksekunde nichts wie weg wollen - die Homepage der kanadischen Immigrationsbehörde ist offenbar zusammengebrochen. Andere fürchten, dass jetzt allerorts der "Trumpismus" zum Durchbruch kommt: Laut, rücksichtlos, brutal, Ich-bezogen.

Bleibt die Frage, wie jemand, der noch vor einem Jahr von niemandem ernst genommen wurde, tatsächlich die US-Wahlen gewinnen konnte. Und das, nachdem nur vier Jahre zuvor der Afroamerikaner Barack Obama, der für ein völlig anderes Amerika steht, der in jeder Frage ein geradezu konträres Bild von der politischen Wirklichkeit hat, in das Präsidentenamt gewählt worden war.

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Der Schock rührt daher, dass man in Europa viel zu lange nur das Clinton- und Obama-Amerika zur Kenntnis genommen hat. Die USA der großen städtischen Zentren, der Westküste und des TV-Senders CNN. Darüber wurde vergessen, dass es noch ein ganz anderes Amerika gibt. Weite Regionen, wo Hass und Unzufriedenheit regieren, wo politisch unkorrektes Verhalten wie ein Befreiungsschlag gefeiert wird, wo Angst vor mexikanischen Einwanderern, vor dem eigenen sozialen Abstieg und dem Verlust der "white supremacy" herrschen.

Dass es Trump in einem beispiellos rücksichtslosen Feldzug gelungen ist, die Mehrheit der weißen, männlichen Bevölkerung für sich zu gewinnen, war schon vor dem Schockerlebnis am Mittwoch klar. Hier fühlt man sich, nachdem die indigene Bevölkerung im 19. Jahrhundert brutal beseitigt worden war, von den einwandernden Hispanics bedroht, deren Stärkerwerden scheinbar nicht aufzuhalten ist und die die eigene Vorherrschaft in einem immer noch stark nach Rassekriterien funktionieren Amerika in Frage stellen.

Doch das allein hätte nie und nimmer für den Sieg gereicht, den Trump eingefahren hat. Deshalb liegt nahe, dass der Tycoon in weit stärkeren Ausmaß als zuvor angenommen von Minderheiten und Frauen gewählt wurde.

In der Tat haben mehr Frauen Trump gewählt als Männer Clinton. Auch nach dem Bekanntwerden seines sexistischen Videos war Trump für die Mehrheit der weißen Frauen wählbar. Clinton wurde zwar von einer Mehrheit der Schwarzen, Latinos und Asiaten gewählt - aber nicht im gleichen Ausmaß wie seinerzeit Obama. Dazu kommt, dass Trump in noch größerem Ausmaß als angenommen über Anziehungskraft bei den mehr als 65 Jahre alten US-Bürgern ausübt.

Es verdichtet sich die Annahme zur Gewissheit, dass viele US-Amerikaner Trump nicht nur aus einer dumpfen Wut auf das Establishment heraus gewählt haben, sondern weil sie ihn für einen fähigen und erfolgreichen Unternehmer halten, dem zugetraut wird, eine ganze Supermacht erfolgreich zu managen.

In den USA scheint plötzlich alles auf dem Kopf zu stehen. Auch der legendäre Spruch von Ex-Präsident Bill Clinton, "It’s the economy, stupid", mit der er im Jahr 1992 den Präsidentschaftswahlkampf für sich entscheiden konnte, gilt nicht mehr. Wenn es danach gegangen wäre, hätte die Demokratin gewinnen müssen. Denn die Arbeitslosigkeit ist in den USA mit unter fünf Prozent auch im internationalen Vergleich rekordverdächtig niedrig, der Demokrat Barack Obama hat das wirtschaftliche Desaster, das die US-Volkswirtschaft nach der Krise 2008 voll erfasst hat, in den Griff bekommen - wenn auch um den Preis, massiv Schulden machen zu müssen. Gleichzeitig ist es ein Faktum, dass die Löhne für normale Arbeiter und Angestellte in den USA seit 40 Jahren stagnieren, während entfesselte Finanzmärkte eine kleine Schicht von Privilegierten unermesslich reich gemacht hat. Damit hat Obama nicht aufgeräumt und da hätte wohl auch Clinton keinen entscheidenden Schnitt machen können. Ob Trump hier die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt, bleibt abzuwarten.

Abzuwarten bleibt auch, ob die Mehrheit der US-Amerikaner statt einem Heilsbringer einem modernen Rattenfänger nachläuft, der statt ins Glück in eine ungewisse Zukunft führt. Denn ob die weißen, beschäftigungslosen Arbeiter im "Rust Belt" jetzt dank Trump gut bezahlte Jobs bekommen, ist ebenfalls offen.