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Die Machtfülle eines US-Präsidenten ist für eine Demokratie einzigartig. Wo sonst Staatsoberhaupt, Regierungschef, Parlament, Justiz, Bundesstaaten und unzählige Behörden um Entscheidungsgewalt und Einfluss konkurrieren, stellt sich diese Frage in den Vereinigten Staaten nicht wirklich: Hier laufen fast alle Fäden der Macht im Oval Office zusammen, dem Büro des Präsidenten im Weißen Haus zu Washington.

Nach der bisherigen politischen Mythologie des Westens und ganz besonders in den USA selbst, firmiert der jeweilige Amtsinhaber - und bisher waren es ausschließlich Männer - als Retter in der Not, wenn Friede und Freiheit in Gefahr sind, als Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten, als Beschützer vor den Bösen dieser Welt. Kein Wunder, dass Hollywood nie genug von Heldenmärchen bekommt, die rund um dieses mächtigste Amt der Welt kreisen.

Wer ist stärker: Checks & Balances oder Trump?

Doch was würde geschehen, wenn das Oval Office in die falschen Hände geriete? Wären die in das politische System der USA eingebauten Checks & Balances, also die Kontrollen und Gegengewichte, stark genug, einen unfähigen, wahnsinnigen, unberechenbaren Präsidenten einzudämmen und zu kontrollieren?

Diese Frage hat mit der Nominierung von Donald Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei konkrete Bedeutung gewonnen. Immerhin wird "The Donald" nicht nur von Gegnern, sondern auch von Teilen seiner Partei die politische, mentale und charakterliche Eignung abgesprochen, das Präsidentenamt auszufüllen. Zu egozentrisch, erratisch, emotionsgesteuert, zu undiplomatisch und - dies vor allem - außenpolitisch völlig unerfahren sei der New Yorker Immobilienmagnat. Er stößt Verbündete vor den Kopf, spekuliert laut über den Einsatz von Atomwaffen, kündigt eine Abkehr von der Freihandelspolitik an, will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten, Muslimen die Einreise verweigern und und und. Der jüngste Tabubruch erfolgte am Mittwoch, als er seine Worte gerade so wählte, dass, wer wollte, aus diesen eine Empfehlung zum Waffengebrauch gegen Hillary Clinton, seine demokratische Herausforderin, herauslesen konnte.

Wäre ein US-Präsident Donald Trump also eine Gefahr für die Welt, wie Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch erklärte?

"Ein US-Präsident Trump hätte sicher weniger Möglichkeiten, seine Pläne direkt umzusetzen, wie er jetzt im Wahlkampf den Eindruck vermittel", sagt der Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (OIIP) und ausgewiesene USA-Kenner Heinz Gärtner. Immerhin stehen mit dem Senat und dem Repräsentantenhaus zwei Kammern des Kongresses, der Oberste Gerichtshof und, dies besonders, 50 Bundesstaaten mit einer weitreichenden Autonomie gegenüber. Tatsächlich kann Amtsinhaber Barack Obama ein Lied davon singen, wie viele Vorhaben eines Präsidenten von einem unwilligen Kongress blockiert werden können. "Aber", so Gärtner, "Macht ist klebrig, als Präsident hat Trump viele Möglichkeiten, Anhänger zu belohnen und Kritiker zu bestrafen. Sein Grundsatz lautet: Wer nicht für ihn ist, der ist gegen ihn. Mit der Verbreitung von Angst zu regieren, kann in der Politik durchaus funktionieren - und Trump verbreitet Angst."

So gesehen glaubt Gärtner nicht an ein Szenario, in dem ein Präsident Trump von seiner eigenen Partei kontrolliert und eingebremst werden würde. Allenfalls eine Abspaltung etwa der Neokonservativen hält er für möglich, wenn auch für weitgehend folgenlos: "Diese Gruppe ist zu klein, um wirklich eine Gefahr für Trump darzustellen."

Enorme Machtfülle

An Möglichkeiten zu belohnen und zu bestrafen würde es ihm jedenfalls nicht fehlen, so viel ist sicher. Der US-Präsident ist zugleich Staatsoberhaupt, Regierungschef mit Richtlinienkompetenz, Oberbefehlshaber der Streitkräfte mit alleiniger Verfügungsgewalt über die Atomwaffen (dem Ausführungsbefehl muss allerdings auch der Verteidigungsminister zustimmen), er ist höchster Diplomat und Verwaltungschef eines gigantischen Behördenapparats. Das war allerdings nicht immer so. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste ein US-Präsident noch mit einer Handvoll Bürokräfte auskommen, die auch noch von seinem eigenen Gehalt bezahlen musste. Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren waren es noch immer erst vier persönliche Sekretäre und 40 Schreibkräfte und Boten.

Kein Wunder, dass eine Kommission damals zu dem Schluss kam: "The President needs help." Erst jetzt - mit der zunehmenden Integration der USA in die Weltpolitik, dem Bedarf für den Aufbau eines Sozialstaats und wachsenden Eingriffen in die Wirtschaft - wuchs jene gigantische Bürokratiemaschine zur Unterstützung des obersten Mannes im Staat, die heute zwischen 1500 und 2000 Mitarbeiter umfassen dürfte - ganz genau vermag das niemand zu sagen, weil die Zuordnung der Planstellen verschwimmt.

Es waren also Krisen und Kriege, die die Macht des US-Präsidenten gesteigert haben. Und sie sind auch jene Momente, in denen diese Macht besonders unmittelbar zu wirken imstande ist. In solchen Momenten der Gefahr, in denen sich die ganze Nation hinter ihrem Präsidenten vereint, ist auch die Gegenmacht des Kongresses weitgehend formal. Die Anti-Terror-Paket nach den Anschlägen vom 11. September 2011, das weitreichende Änderungen brachte, ging - in Friedenszeiten quasi undenkbar - praktisch ohne Widerstand innerhalb kürzester Zeit durch den Kongress; und das neu geschaffene Department of Homeland Security wurde zu einer gigantischen Behörde aufgeblasen.