Am Tag nach dieser denkwürdigen Nacht wird das Ausmaß des Erdbebens erst wirklich sichtbar. Zwei ehrwürdige Institutionen wurden von der Entscheidung der US-Wähler besonders schwer erwischt: der Journalismus und die Meinungsforschung. "Die Medien", formulierte es Jim Ruttenberg noch in den Nachtstunden für die "New York Times", "verpassten, was um sie herum im Land vor sich ging - und das war leider die Story, die man nur einmal im Leben hat." Nahezu alle der 20 größten Umfrageinstitute, darunter die Abteilungen von TV-Sendern und Zeitungen, sagten einen Sieg der demokratischen Kandidatin voraus. Den Mut, gegen den Trend zu schwimmen, hatten allein die "Los Angeles Times" und die University of Southern California.

Nicht zum ersten Mal daneben

Und es waren nicht nur die Zahlen der Umfragen falsch, die ganze Geschichte, die die Medien ihren Lesern erzählten, hatte nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die sich in weiten Teilen des Landes ereignete. Brutaler lässt sich das Versagen des etablierten Journalismus nicht zusammenfassen. Und es war kein Ausreißer: Im Juni sah niemand das Brexit-Votum der Briten kommen, im April überraschte der große Vorsprung Norbert Hofers im ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl die Branche. Und die Liste der professionellen Missperzeptionen der politischen Wirklichkeiten ließe sich fortsetzen. Das stellt in Summe die Rolle des Journalismus und seines Hilfsinstruments, der Meinungsforschung, sehr viel grundsätzlicher in Frage, als das sämtlichen Beteiligten lieb sein kann. Was sonst, als die Suche nach der Realität, ist schließlich die journalistische Kernaufgabe?

Wie konnte es zu diesem grandiosen Versagen kommen? Warum bekamen die Umfrageinstitute das Phänomen Donald Trump nicht und nicht in ihren Daten zu fassen, und das, obwohl sie einschließlich der "Primaries" gut eineinhalb Jahre Zeit hatten? Der Instinkt eines Politikamateurs, der zeit seines Lebens nichts mit der Res publica am Hut hatte, obsiegte über die geballte Analysekraft sämtlicher Profis in Medien und Parteien.

Die Wähler bleiben ein Rätsel

"Trump ist, und das in jeder Hinsicht, anders als alles bisher in den USA Dagewesene", erklärt Eva Zeglovits, Geschäftsführerin des Meinungsforschungsinstituts Ifes. Für heimische Ohren klingt das bekannt. OGM-Chef Wolfgang Bachmayer verweist auf die jahrelangen Probleme seiner Branche, die Stärke der FPÖ aufgrund der unterdurchschnittlichen Bekenntnisfreude ihrer Anhänger richtig einzuordnen. Mittlerweile ist das Phänomen hierzulande im Griff, den US-Meinungsforschern fehlte jedoch der österreichische Erfahrungsschatz im Umgang mit solchen Politikern, erläutert Bachmayer. Jörg Haider betrat 1986 die bundespolitische Bühne, Trump de facto vor 18 Monaten: Zu kurz, zumal "Politikfrustrierte auch bei Politikumfragen nicht wirklich mitmachen wollen", wie Zeglovits es formuliert. Und die Wähler von "The Donald" waren in der Tat sehr, sehr frustriert von der Politik in ihrem Land.