getty/Hulton Archive, GraphicaArtis
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Washington/Wien. Vier Worte führten Donald Trump zum Sieg: "Make America great again!" - "Macht Amerika wieder groß!"

Trumps Verheißung einer besseren Zukunft handelt von der Vergangenheit, von einem Amerika der Übersichtlichkeit, in dem alles auf dem richtigen Platz war: Der amerikanische Traum versprach, dass jeder es schaffen kann, der sich nur genügend anstrengt. Ein Job in der brummenden Automobilindustrie bedeutete ein gutes Leben mit Kühlschrank, Waschmaschine und Fernsehgerät ausgestattem Eigenheim. Die gesellschaftliche Realität war recht aufgeräumt: Die Frauen in der Küche hinter dem Herd, die Schwarzen rechtlos und rassengetrennt in ihren Ghettos und kritische Intellektuelle von einem paranoiden Spinner, wie es der republikanische Senator Joseph McCarthy war, als kommunistische Verschwörer verfolgt.

Der Satz: "Der amerikanische Traum ist zerbrochen", war fixer Bestandteil jeder Trump-Wahlkampfrede, mit seiner "Früher-war-alles-besser"-Leier wandte er sich an seine Kernwählerschaft - nämlich ältere, weiße, weniger gut ausgebildete Wähler, die außerhalb großer Städte leben. Wer im heutigen Amerika aber ohne Qualifikation ist, hat auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen: Die Einkommen der amerikanischen Mittelschicht sind (inflationsbereinigt) nur einen Hauch höher als in den 1980er Jahren, während die Einkommen der Top-Verdiener seit 1980 explodiert sind: Und zwar um 41 Prozent.

Dass dafür vor allem die Politik der Republikaner mit der von ihnen betriebenen Zerschlagung von Gewerkschaften und der von ihnen propagierte Nachtwächterstaat verantwortlich ist, kümmert Trump nicht. Vielen seiner Wähler war dieser Zusammenhang offenbar ebenfalls nicht klar. Was zählte, war die Erkenntnis: Früher war alles besser.

Sehnsucht nach dem Gestern

Der 1925 in Posen geborene polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat für diese Sehnsucht nach einem besseren Gestern, nach einer besseren Vergangenheit, einen Begriff geprägt: "Retrotopia". Das Buch mit dem selben Titel wird in ein paar Monaten erscheinen, Bauman beschreibt darin Retrotopia als Ort, "den es nicht gibt, aber nicht, weil er noch nicht existiert, sondern bereits existiert hat", wie er unlängst in einem "Spiegel"-Interview gesagt hat.

Baumans Buch ist 500 Jahre nach Erscheinen von Thomas Morus’ "Utopia" hochaktuell - denn Retrotopia ist überall: "Bring back Control" - "Gebt uns die Kontrolle zurück" lautete der Slogan der Brexit-Kampagne in Großbritannien, aus dem das Versprechen einer neuen, alten Übersichtlichkeit spricht. Das einst so hoffnungsverheißende Wort "Fortschritt" ist auch in Großbritannien zu einer gefährlichen Drohung geworden.

Zygmunt Bauman sagt im "Spiegel": "Die Idee des Fortschritts verheißt heute weniger die Hoffnung auf eine Verbesserung der persönlichen Lage als die Angst davor, zurückgelassen und abgehängt zu werden. Also wenden wir uns der Vergangenheit zu und bewegen uns dennoch blind voran."

Ronald Inglehart und Pippa Norris von der Harvard Kennedy School of Government haben für ein Forschungspapier errechnet, dass seit den 1960er Jahren rechtspopulistische Parteien in Europa ihren Stimmenanteil verdoppeln konnten. Bis zur zweiten Dekade dieses Jahrhunderts stieg der Stimmenanteil rechtspopulistischer Parteien auf 13,7 Prozent.

Über Jahrzehnte bestimmten unterschiedliche wirtschaftspolitische Positionen die Parteipräferenzen: Wer für einen starken Staat war, der mittels Sozialtransfers für soziale Gerechtigkeit und mit einem gut dotierten Bildungssektor für Chancengleichheit und soziale Aufstiegschancen sorgt, wählte links. Wer für einen Laissez-faire-Staat mit lose gewobenen sozialen Netz, niedrigen Steuern und Deregulierung war, wählte rechts.

In den 1980ern näherten sich die wirtschaftspolitischen Positionen beider Lager an, gleichzeitig sank das Klassenbewusstsein, schreiben Inglehart und Norris. Wirtschaftspolitische Positionen von Wählern würden viel weniger ihre Parteipräferenz determinieren als die Frage, wo die Wählerinnen und Wählern in kulturellen und gesellschaftspolitischen Fragen stehen: Die Frage von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Identitätspolitik würden das Wahlverhalten heute viel stärker beeinflussen.

Aber auch wenn die politischen Auseinandersetzungen offenbar vor allem entlang identitätspolitischer und kultureller Konfliktlinien verlaufen, dann sind das nur die Symptome der populistischen - oder vielleicht besser demagogische - Welle, die seit einiger Zeit über die westliche Welt hinwegschwappt. Wer den tieferen Grund sucht, findet ihn in der ökonomischen Stagnation der westlichen Welt. Diese hat vor allem drei Gründe: Demografie, Globalisierung, Technologie und leere Kassen der öffentlichen Haushalte. Die Lösung dieser vielschichtigen und kniffelig-komplexen Probleme verlangt das, was Max Weber in seinem Buch "Politik als Beruf" in seinem eindringlichen Bretter-Bild beschreibt: "Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich." "Aber dieser Inkrementalismus verursacht eine tiefe Frustration bei vielen Wählern, die dramatischere Lösungen wollen und einen starken, entscheidungsfreudigen Politiker, der bereit ist, sie durchzusetzen", schreibt der amerikanische Journalist Fareed Zakaria in einem Aufsatz in der November-Ausgabe des US-Außenpolitikmagazins "Foreign Affairs".