Rauth: Ungeplante Räume zu planen widerspricht der Idee von Planung natürlich in gewissem Maße. Gute Landschaftsarchitektur schafft aber Räume, die einerseits zur Nutzung einladen und anderseits   möglichst vielfältige Nutzung offen lassen. Grundsätzlich muss man ein gewisses Grundvertrauen darin setzen, dass Menschen sich Räume selbständig aneignen, dass Orte eine eigene Identität entwickeln können. In diesen Bereichen tut sich die Stadt Wien noch sehr schwer. Am Beispiel der Seestadt Aspern, wo bis 2030 rund 20.000 Leute wohnen sollen, kann man das ganz gut sehen: Obwohl gerade einmal die ersten paar tausend Menschen dort angekommen sind, hat man nicht das Gefühl, dass hier noch groß Aneignung passieren kann - alles wirkt sehr definiert. Dabei weiß man heute nicht, wer dort einmal leben wird. Vermutlich werden viele junge Familien mit Kindern hinziehen, doch auch die Zielgruppe "Familie mit Kind" ist nicht homogen und hat unterschiedliche Nutzungsinteressen. Man müsste daher einen Modus finden, wie im Prozess Veränderung passieren kann. Das erfordert die Bereitschaft, Räume durch Alltagsnutzung entstehen und entwickeln zu lassen.

Welche Möglichkeiten haben Bürger, sich einzubringen?

Rauth: In der Vergangenheit wurde Partizipation gerne als Feigenblatt, oftmals als PR-Instrument für Planungsprozesse verwendet. Darum gibt es auch sehr viel Frustration bei diesem Thema. Denn wenn sich Bürger und Bürgerinnen beteiligen, ehrenamtlich Zeit, Ideen und Wissen investieren, aber die Machtfrage, also wer schlussendlich entscheidet, nicht gestellt wird, dann ist man weit davon entfernt, Partizipation ernst zu nehmen. Partizipation heißt nicht, mitentscheiden zu dürfen, ob etwas grün oder himmelblau gestrichen wird.  Echte Partizipation heißt gemeinsam mit den Bürgern die Stadt zu entwickeln. Wien bemüht sich hier aufzuholen, man hat die Zeichen der Zeit scheinbar erkannt: Für Neubauprojekte gibt es seit Kurzem einen Masterplan Partizipation, der festlegt, in welchen Schritten und vor allem auch ab wann ein Beteiligungsverfahren passieren soll.

Aber in der gebauten Struktur tut sich Wien nach wie vor sehr schwer, wenn Ideen zur Veränderung nicht von der Stadtverwaltung kommen, sondern wirklich von den Bürgerinnen und Bürgern. Das sieht man bei der Donaukanalinitiative, der Bürgerinitiative Kaiserwiese oder bei FRISCH, eine Initiative, die für die Öffnung der Schmelz kämpft. Solche Initiativen machen in hohem Maß die Erfahrung, dass man mit den eigenen Anliegen kaum weiter kommt oder sogar total niedergebügelt wird, wie das bei der Kaiserwiese der Fall ist. Hier ist man weit davon entfernt, die Anliegen ernst zu nehmen.

Wer hat nun "Recht auf Stadt"?

Rauth: Idealerweise hat jeder Stadtbewohner "Recht auf Stadt", real sieht die Sache natürlich anders aus. Wien hat eine sehr paternalistische Tradition, die Stadt sorgt für ihre Bürger, will aber nicht zu viel Einmischung. Dem gegenüber steht eine aufblühende Kultur des "Stadt selber Machens", des Wunsches nach Beteiligung und nach viel direkterer Demokratie. Bürgerinitiativen müssen ein ungeheures Wissen mitbringen, um sich einbringen zu können. Das hat aber nicht jeder. Es muss daher ein Modus gefunden werden, damit man auch jenseits von hohem Bildungsstatus und weitreichenden Netzwerken seinen Bedarf an Stadtgestaltung formulieren kann. Dass man grundsätzlich mitreden kann bei der Stadtplanung muss also genauso eine Forderung an die Stadt sein, wie transparente Strukturen, um Beteiligung zu erleichtern. Umgekehrt müssen die Leute aufhören zu glauben, dass ihnen immer irgendwer das perfekte Leben serviert. Wir müssen alle wieder lernen, Dinge auch zu erstreiten und dass wir uns für Ideen, die wir umsetzen wollen, auch einsetzen müssen.