Wien wächst bis 2030 um 200.000 Einwohner. Wird sich die Stadt am Stadtrand ausdehnen oder im Zentrum verdichten?

Laimer: Prognosen sind immer sehr schwierig: Wenn man sich Einschätzungen von vor 20, 30 Jahren ansieht, so waren die fast immer falsch. Politische Ereignisse, wirtschaftliche Entwicklungen können sie über den Haufen werfen. Dass Wien derzeit und in den nächsten vier bis fünf Jahren stark wächst bzw. wachsen wird, ist völlig klar. Aber ich würde davor warnen, schon heute davon auszugehen, dass sich diese Entwicklung bis 2030 fortsetzt. Das kann sein, muss aber nicht sein.

Rauth: Tatsache ist, dass Wien derzeit jährlich eine Kleinstadt integrieren muss. Das betrifft nicht nur den Wohnraum, sondern auch medizinische Infrastruktur, Schulen, Verkehr, Arbeitsplätze und vieles mehr. Wir brauchen daher schlaue Konzepte, um mit diesem Wachstum umzugehen. Natürlich gibt es noch Flächen, die neu bebaut werden können, aber Wien kann nicht endlos an die Ränder wachsen. Wien hat einen geschützten Grüngürtel. Den braucht die Stadt auch, um die Lebensqualität zu halten und dem Klimawandel begegnen zu können.  In der Stadt gibt es nach wie vor unglaublichen Flächenverbrauch, einstöckige Supermärkte mit gigantischen Parkplätzen zum Beispiel. Die Frage ist, wie man kleinteilig im Bestand nachverdichten kann, ohne den Freiraum anknabbern zu müssen. Oft wird ja Grünraum gegen Wohnraum ausgespielt - ein Gegensatz, der real nicht haltbar ist, denn die Stadt braucht tatsächlich beides.

Täuscht der Eindruck oder gerät auch Wien zunehmend in die Hände privater Investoren?

Laimer: Seit den 1990ern kommt es in vielen Städten auch in Bezug auf Wohnbau zu Privatisierungen. Wobei Wien nicht wie andere Städte den Fehler begangen hat, soziale Wohnbauten zu verkaufen.
Wie in vielen anderen Städten, werden aber auch in Wien städtische Dienstleistungen an zum Teil eigene Tochterunternehmen  ausgelagert. Das sieht man z.B. am Museumsquartier.  Die Betreibergesellschaft ist eine Tochter der Stadt Wien, das heißt natürlich aber auch, dass dieser Raum kein öffentlicher Raum mehr ist sondern, dass es hier die Hausordnung des Museumsquartiers gilt. Ein Resultat daraus ist, dass die Kommerzialisierung stark zunimmt. Sie passiert kleinteilig, etwa durch Schanigärten oder Verkaufsstände. Dabei wächst die Bevölkerung und damit der Bedarf an Freiraum. Diese Flächen müssten öffentlicher und nicht-kommerzieller Raum bleiben und nicht privatisiert oder teilprivatisiert werden.

Und wie ist es mit Wohnraum? Kann man hier von Privatisierung sprechen?