Die Wiener sind stolz auf ihren Prater. Sie besingen ihn, widmen ihm Gedichte, schreiben ganze Bücher über seine Schönheit. Er gehört zur Stadt wie sonst nur der Stephansdom und die Donau. Das war schon immer so und gilt heuer ganz besonders. Denn der Prater feiert seinen 250sten Geburtstag. Und dafür schöpft die Stadt aus dem Vollen – schließlich soll man die Feste feiern, wie sie fallen. Mit Umzügen, Schaufahrten und Ausstellungen wird das Jubiläum begangen. Doch die Euphorie wirkt befremdlich, die Gelegenheit zu feiern ungelegen. Um den Prater steht es schlechter als jemals zuvor.

Neben der Trabrennbahn Kriau entstehen Wohnungen und Büros. - © J. Kerviel
Neben der Trabrennbahn Kriau entstehen Wohnungen und Büros. - © J. Kerviel

Wie ein riesiger See schmiegt sich die sechs Quadratkilometer große Wald- und Wiesenfläche an die Stadt. Sein Ufer zieht eine klare Linie zwischen Urbanität und Natur. Doch der See schrumpft. Die Ausläufer werden zunehmend zugeschüttet und verbaut. An den Stränden legen Immobilienfirmen und Investoren frühmorgens ihre reservierenden Handtücher aus. Sie haben die Stadtviertel um den Prater als Goldgrube erkannt. Seine Ränder werden zunehmend privatisiert.

Peripherie rückt ins Zentrum

Natürlich kommt diese Entwicklung nicht aus heiterem Himmel. Die Stadt setzt bewusst hier den Spaten an. In den vergangenen Jahrzehnten galt der Ring um den Prater als eher unattraktiv. Sozialbauten, heruntergekommene Zinshäuser und Brachen dominierten die Viertel. Eine strukturschwache, isolierte Gegend. Doch in einer wachsenden Stadt gilt es, Wohnraum zu mobilisieren. Auf der Suche nach diesem erkannte man das Potenzial der Gegend und ernannte sie Anfang der 2000er-Jahre zum Zielgebiet der Stadtentwicklung. "Den Startschuss der Aufwertung bildete der Ausbau der U2, erst – wegen der Fußball-Europameisterschaft 2008 – bis zum Ernst Happel Stadion und später weiter nach Aspern", sagt Ute Schaller, Programmkoordinatorin im Zielgebiet Donauraum Leopoldstadt-Prater.

Die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz löste eine rasante Entwicklung nördlich des Praters aus. Was früher noch Peripherie war, rückte nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Auf den Gründen im städtischen Eigentum schritt man schnell zur Tat. "Die Messe Wien wurde 2004 kompakter errichtet, um im Hinterland Platz für die 2013 fertiggestellte WU zu schaffen. Sonst besitzt die Stadt nur noch die Sport- und Grünflächen. Der Rest gehört überwiegend privaten Investoren", sagt Schaller.

So auch eine Ansammlung steril wirkender Glasbauten neben der U2-Station Krieau. Ein Immobilienentwickler hat hier in wenigen Jahren ein ganzes Geschäftsviertel hochgezogen. Wie gerendert stehen die kalten Gebäude zwischen den historischen Backsteinbauten. Die halbrunde Konzernzentrale der OMV ragt in der Mitte empor. In den Glasfronten spiegelt sich Wasser. Die 5000 Quadratmeter große, künstliche Wasserfläche erfüllt rein ästhetische Zwecke. Abkühlen kann man sich hier nicht – dafür sorgen Wachmänner.