Sternspritzer, auch Wunderkerze genannt. - © by-studio - Fotolia.com
Sternspritzer, auch Wunderkerze genannt. - © by-studio - Fotolia.com

Als unheilvolles Vorzeichen ist uns zum Beispiel eine Kometenerscheinung aus dem Jahr 1066 überliefert, als der Normannenherzog Wilhelm der Eroberer England einnahm. Auf einem bis heute erhaltenen Wandteppich aus dem 11. Jahrhundert sieht man eine Gruppe Engländer, die sich über einen vom Himmel fallenden Stern wundern, in einer nächsten Szene betritt der Eroberer die Insel. Heute weiß man: Der fallende Stern, das war der Halley'sche Komet. Streng genommen sind Wunder eine Erfindung der frühen Neuzeit. Darauf weist das deutsche Wort Wunder hin, daswahrscheinlich vom englischen wonder abstammt und in seiner Bedeutung erst im Hochmittelalter im deutschen Sprachraum dokumentiert ist.

Doch welche Wörter benutzten die Menschen Europas im Mittelalter für ihre "Wunder" und "Verwunderungen"? Auf Lateinisch hieß die Gefühlsbewegung selbst "admiratio", die Gegenstände, die Verwunderung auslösten, hießen wiederum "miracula" oder "mirabilia". Diese Wörter haben ihre Wurzeln wiederum in einem indoeuropäischen Wort für "Lächeln". Anders als im Deutschen blieb diese etymologische Verbindung zwischen Wundern und Lächeln in anderen Sprachen erhalten, wie das französische "merveille" oder das englische "marvel" zeigen. Die Worte für die Empfindung und die Erscheinung von Wundern sind zwar nicht identisch, aber dafür eng verwandt – und was diese enge Verbindung andeutete, ist die enge Verbindung zwischen der subjektiven Erfahrung und den Objekten, auf die sie sich bezogen. Ein Mirakel zauberte mitunter ein Lächeln auf das Gesicht des Betrachters – wohl angesichts der Göttlichkeit, die sich laut damaliger Auffassung in ihm widerspiegelte.

Im Unterschied dazu bezeichneten Wunder ausschließlich außergewöhnliche Erscheinungen aus der weltlichen Wunderwelt – im Unterschied dazu standen die übernatürlichen Wunder, die man Gott zuschrieb. Und diese hießen Mirakel. Bis ins 17. Jahrhundert blieb diese strenge Trennung bestehen. Mirakel galten als das echte Übernatürliche, als gottgewollte Erscheinungen und als Gottes unmittelbare Handlung, während außernatürliche Wunder Randerscheinungen der  göttlichen Ordnung waren, wie beispielsweise sechs Finger an einer Hand.

Erhellende Chance

Es ist wohl auch kein Zufall, dass im 13. und 14. Jahrhundert diese außernatürliche Erscheinungen als Bestandteile der gottgewollten Ordnung kaum genauer studiert wurden. Sie galten als Anomalien, als Ausnahmen des Natürlichen. Erst im 16. Jahrhundert begannen Naturwissenschafter sich vermehrt für diese Randphänomene zu interessieren. Aus dem Bizarren entwuchs Schritt für Schritt eine neue Sicht auf die Welt: Außernatürliche Phänomene wurden von der religiösen Bedeutung befreit, sie wurden Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung und zum Mittel, die Wirklichkeit zu erklären. Im 17. Jahrhundert war dieser Wandel vollzogen.

Die Pyramiden von Gizeh standen lange Zeit im Ruf eines Wunders. - © Corbis
Die Pyramiden von Gizeh standen lange Zeit im Ruf eines Wunders. - © Corbis

Staunen und Wundern spornten von nun an Nachforschungen an, sie sorgten dafür, dass die Pfade des Gewohnten und Bekannten verlassen wurden. Dies ging sogar so weit, dass der Naturforscher Robert Boyles trotz Schnupfen und fortgeschrittener Zeit Mitte des 17. Jahrhunderts nächtelang mit großer Begeisterung über ein Stück Kalbsfleisch wachte und selbst noch in den Morgenstunden Vergnügen daran fand. Denn der Fleischbrocken war kein gewöhnliches Stück Fleisch: Er leuchtete nämlich im Dunkeln!