Der Mitbegründer der modernen Physik und Chemie Boyles schrieb über sein Erlebnis mit der Kalbshaxe in sein Tagebuch: "Gestern, als ich mich anschickte, zu Bett zu gehen, setzte mich ein Amanuensis [ein Sekretär, Anm. der Verf.]… davon in Kenntnis, dass eines der Hausmädchen … vor einer leuchtenden Erscheinung in Schrecken geraten sei, die es just an der Stelle erblickte, an der zuvor das Fleisch aufgehangen worden. Daraufhin schickte [ich] auf der Stelle nach dem Fleische, das ich auf meine Kammer bringen und alsbald in den Winkel eines Zimmers hängen ließ, das eine beträchtliche Verdunklung gestattete, und dann sah ich nur allzu gut, mit Verwundern und Entzücken zugleich, dass dieses Bratenstück an diversen Stellen leuchtete wie moderndes Holz oder ein fauler Fisch…"

Der Glaube an Wunder ist bis in unsere Tage lebendig geblieben. - © Corbis
Der Glaube an Wunder ist bis in unsere Tage lebendig geblieben. - © Corbis

Das Phänomen des leuchtenden Fleisches ist übrigens auf Bakterien zurückzuführen. Die sogenannten Pseudomonas fluorescens sind Mikroorganismen, die oft in Fleisch und Fisch hausen. Sie sind für den Menschen unbedenklich, vermehren sich aber rasant und deuten auf Fleisch hin, das zu faulen beginnt. Leuchtendes Fleisch sollte daher besser weggeworfen werden. Wegbereiter für diesen Paradigmenwechsel, die man nun den Wundern mit Neugierde entgegenbrachte, war der Philosoph und Staatsmann Francis Bacon.

Der Begründer der neuen Naturwissenschaften hatte bereits rund 100 Jahre vor Robert Boyles Wunder als erhellende Chance für die Wissenschaft erkannt und damit begonnen, von der Natur abweichende Exemplare zu sammeln, Monstren zum Beispiel, die die "gewohnte Straße der Natur verlassen hatten", wie er schrieb.

War für die Naturforscher des Mittelalters und der frühen Neuzeit alles Außernatürliche nicht der Rede wert, liefen diese doch der Ordnung der Natur zuwider, verloren durch Bacon diese Wunder ihren Status als Randphänomene und öffneten der Wissenschaft Tür und Tor. Man sieht: Wunder als  Leidenschaft und Erkenntnis sind keine zwei entgegengesetzten Pole, sondern zwei Seiten einer Medaille.

Und in all den Jahrhunderten sind Wunder nicht ausgestorben, die Objekte des Staunens und Wunderns haben sich nicht allzu sehr geändert: In Lake eingelegte Missgeburten erregen nach wie vor die Neugierde der Menschen, Meteoritenschauer entzücken weiterhin und so manche Fastenkur soll Wunder wirken! Selbst Berichte erschreckter Karnivoren über leuchtendes Fleisch schaffen es heute noch bis in die Medien. Und wenn das Nordlicht den Himmel mit irisierenden Vorhängen erfüllt, staunen ebenfalls nicht wenige.

Wunder begleiten uns auch in dieser Zeit, es kommt allerdings darauf an, wie die Menschen mit ihnen umzugehen gedenken: ob sie dazu tendieren Wunder als Vorzeichen zu deuten, unhinterfragt an sie zu glauben, sie als Flucht aus der Realität zu nutzen, oder ob sie für weitere Investigationen wider den geistigen Stillstand herangezogen werden, um ihnen auf die Spur zu kommen. Denn so viel steht fest: Wissen kommt von Wundern und ohne Wundern, ohne Neugierde, würde die Welt heute ganz anders ausschauen.

Artikel erschienen am 21. Dezember 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-7.