• vom 25.10.2012, 18:00 Uhr

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Fotografie

Die vergessene Avantgarde




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Von Anton Holzer

  • Österreichs experimentelle Fotografie erlebte um 1930 eine kurze Blüte. Erst heute wird diese spannende Epoche wiederentdeckt. Zum Vorschein kommen hervorragende Bildkünstler - und wenig bekannte Meisterwerke.

Anklänge an die "Neue Sachlickkeit" und das "Neue Sehen" bestimmten die fotografische Moderne. Hier Ferdinand Hodek: Radfahrer, um 1930/31. - © Foto: Archiv Anton Holzer

Anklänge an die "Neue Sachlickkeit" und das "Neue Sehen" bestimmten die fotografische Moderne. Hier Ferdinand Hodek: Radfahrer, um 1930/31. © Foto: Archiv Anton Holzer

War da etwas? Fotografische Avantgarde in Österreich? Nie gehört! Wenn man der gängigen Meinung Glauben schenkt, war das radikal Neue in der Fotografie, historisch gesehen, stets im Ausland beheimatet: in Berlin, Paris, Prag, New York, Moskau. Aber nicht bei uns.

Allerdings: Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese herkömmliche Einschätzung als falsch. Denn es gab um 1930 sehr wohl eine spannende österreichische Szene moderner, experimenteller Fotografie. Doch ihre Protagonisten und ihre Arbeiten sind seither gründlich in Vergessenheit geraten. Die Gründe dafür sind vielfältig.


Ächtung im Ständestaat
Die konservative Wende, die auf den kurzen Aufbruch folgte, hat die Avantgarde verschüttet. Spätestens im Ständestaat ist die Moderne zum roten Tuch geworden, und im Nationalsozialismus wurden ihre Vertreter offen verfolgt. Viele Foto-Avantgardisten bewegten sich im Umkreis der Wiener Sozialdemokratie oder waren jüdischer Herkunft. Im Ständestaat und im Nationalsozialismus waren sie daher der Ächtung und Verfolgung ausgesetzt. Andere zogen sich angesichts der widrigen politischen Bedingungen ins Privatleben zurück. Nach 1945 knüpfte kaum jemand an die ästhetischen Experimente der Zwischenkriegszeit an, sie wurden jahrzehntelang vergessen.

Erst in den letzten Jahren macht sich ein neues Interesse an dieser spannenden Epoche der österreichischen Fotoentwicklung bemerkbar. Die turbulenten Jahre um 1930 werden allmählich in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit wiederentdeckt. Ein Grund dafür dürfte auch sein, dass die Fotografie ein besonders guter Gradmesser für die gesellschaftliche Ambivalenz dieser Epoche ist. Es ist hoch an der Zeit, die kurze Blüte der österreichischen Avantgarde zu rehabilitieren, zu erforschen und öffentlich zu präsentieren.

Dabei können veritable Entdeckungen gemacht werden. Zum Vorschein kommen nicht nur einige kaum oder gar nicht bekannte Meisterwerke der österreichischen Fotografie, sondern auch interessante Lebensgeschichten von Fotografen und Förderern der Avantgarde, die längst in Vergessenheit geraten sind.

Manifest der Moderne
Als am 20. Februar 1930 im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie an der Ringstraße (heute MAK) die Ausstellung "Film und Foto" eröffnet wurde, war das ein großes Ereignis. Die Schau, die ein Jahr zuvor in Stuttgart konzipiert wurde, galt als Manifest der modernen Fotografie und sorgte für ein enormes Medienecho. Der Österreichische Werkbund, der die Ausstellung nach Wien geholt hatte, sah sie als deutliches kulturpolitisches Signal für die moderne Fotografie.

Neben den Stars, die bereits in Deutschland zu sehen waren (wie etwa El Lissitzky, Alexander Rodtschenko, John Heartfield, Hannah Höch, Helmar Lerski, Germaine Krull, László Moholy Nagy, Man Ray, Aenne Biermann oder André Kertesz) wurde in Österreich auch eine zusätzliche Abteilung mit dreizehn einheimischen Fotografen gezeigt.

Neben einigen wenigen Vertretern des "Neuen Sehens" bzw. der "Neuen Sachlichkeit" (etwa Richard Träger, Willy Riethof, Hans Cechal und Franz Mayer) waren in der österreichischen Abteilung eine ganze Reihe von Arbeiten zu sehen, die wohl am besten mit dem Begriff der "gemäßigten Moderne" zu umschreiben sind (Trude Fleischmann, Trude Geiringer/Dora Horowitz, Grete Kolliner, Hertha Müller, Ilona Kiss, Otto Skall u.a.). Aber auch traditionelle kunstfotografische Studien (etwa von Maximilian Karnitschnigg) waren zu sehen.

Heftige Flügelkämpfe
Diese breite Auswahl, die von idealisierenden Genreszenen bis hin zu neusachlichen Objektstudien reicht, zeigt vor allem eines: Die Vertreter des österreichischen Werkbunds wollten und konnten sich nicht eindeutig für die Avantgarde entscheiden. Zu disparat waren innerhalb des Werkbunds die ideologischen und ästhetischen Auffassungen. Heftige Flügelkämpfe verhinderten um 1930 einen Konsens. Insgesamt setzten sich eindeutig die gemäßigt Modernen gegenüber den radikalen Neuerern durch.

Ungewöhnliche Perspektive: "Das Wiener Riesenrad" von Sepp Novak, um 1930/31.

Ungewöhnliche Perspektive: "Das Wiener Riesenrad" von Sepp Novak, um 1930/31.© Foto: Archiv Anton Holzer Ungewöhnliche Perspektive: "Das Wiener Riesenrad" von Sepp Novak, um 1930/31.© Foto: Archiv Anton Holzer

Dennoch: Allen Kompromissen zum Trotz wurde die Ausstellung in der liberalen und linken Presse als Meilenstein für die moderne Fotografie gefeiert. "Es ist", schrieb der Kritiker Wolfgang Born, "eine neue Art des graphischen Ausdruckes, der sehr herb, mit den komplizierten Ornamenten der Wirklichkeit, seine Flächen organisiert. Der nach oben gerückte Horizont, wie er bei der Draufsicht entsteht, spielt eine große Rolle. Die Verschiebungen der Perspektive ergeben die Sensation eines erregenden Raumerlebnisses, Schatten und Licht sind die Träger des Rhythmus. Unversehens kommt eine Übersetzung der Wirklichkeit zustande, die durchaus künstlerisch ist."

Auch die Kritikerin Alma Stefanie Frischauer begrüßte die Bilder der Avantgardisten, insbesondere die Aufnahmen im Stil der Neuen Sachlichkeit. "Der moderne Fotograf nennt Sachlichkeit sein oberstes Prinzip. Die absichtlich unscharfe oder gar künstlich gestellte Aufnahme hat aufgehört zu existieren: das Lichtbild soll keine zierende Dekoration, sondern ehrliches Dokument sein. (. . .) In der Enthüllung, die keine Verschleierung und nur Präzision kennt, liegt der Wert dieser neuen Fotos. Sie entdecken die Wirklichkeit und bringen durch die Schärfe ihrer Objektive, durch kühne Licht- und Schattenkombinationen, durch unerwartete Verkürzungen und Perspektiven den Alltag erneut zum Bewußtsein."

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Schlagwörter

Fotografie, Avantgarde, Extra, 1930er

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-10-25 15:15:20
Letzte Änderung am 2012-10-25 16:16:21


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