• vom 28.02.2014, 11:00 Uhr

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Update: 28.02.2014, 11:25 Uhr

Liebe in Ägypten

Ein Spiel mit strengen Regeln




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Von Iris Mostegel

  • Ein Finne, ein Deutscher, ein Schweizer - drei Ethnologen erforschen die Gesetzmäßigkeiten der Liebe in Ägypten. Ihre Arbeit zeigt vor allem eins: Im Land am Nil ist Liebe eine Obsession. Und ziemlich kompliziert.

Arm-in-Arm-Gehen ist in der ägyptischen Öffentlichkeit erlaubt, Küssen jedoch verboten.

Arm-in-Arm-Gehen ist in der ägyptischen Öffentlichkeit erlaubt, Küssen jedoch verboten.© Samuli Schielke Arm-in-Arm-Gehen ist in der ägyptischen Öffentlichkeit erlaubt, Küssen jedoch verboten.© Samuli Schielke

Eigentlich wollte er nur ein paar Orangen kaufen. Der braunhaarige Forscher aus Berlin hatte ja nicht ahnen können, dass seine schlichte Bemerkung "Sag mal, spielt es da im Radio nicht das Liebeslied Inta Umri?" den ägyptischen Obsthändler dazu veranlasste, seine Kollegen von den Nachbarständen zusammenzutrommeln. Und dann war da auf einmal diese Menschenmenge, die ihn umringte und begeistert in die Hände klatschte. "Ya khawaga, ghanni! - Ausländer, sing!", jubelten sie. Der Forscher holte Luft und begann zu singen. "Inta umri illi ibtada be nurak sabahu - Du bist mein Leben, dessen Morgen sich mit deinem Licht erhob." Die Leute lachten - ein Ausländer, der das Lied der großen Umm Kulthum beherrschte, das hatten sie noch nie gesehen. Und nachdem der Deutsche seinen Liedvortrag beendet hatte, begann er das zu tun, weshalb er nach Ägypten gekommen war: er sprach mit ihnen über die Liebe, was sie bereitwillig taten, denn jemandem, der die Liebeslyrik von Umm Kulthum kannte, dem konnten sie vertrauen.

Der Forscher aus Deutschland heißt Steffen Strohmenger und ist 51 Jahre alt. Heute sitzt er in seinem Büro in Berlin-Kreuzberg, wo er nach seiner Rückkehr aus Kairo die Ergebnisse seiner Feldforschung in einem Buch niedergeschrieben hat. "Faszinierend ist", sagt der Ethnologe von der Uni Halle, "dass für einen westlichen Besucher die Liebe kaum sichtbar ist - wenig körperliche Nähe, geschweige denn Küsse in der Öffentlichkeit. Also redest du mit den Leuten über die teurer gewordenen Tomaten oder Politik. Aber dann entdeckst du staunend, dass es eigentlich die Liebe ist, die sie besonders beschäftigt."


Ambivalenz
In Gesang, in Film, in Talkshows und im Gespräch mit Freunden: im Land am Nil ist il-hubb - die Liebe - überall und allgegenwärtig, quer durch alle Gesellschaftsschichten vom Universitätsprofessor bis zum Gemüsejungen. Verherrlicht und zelebriert, gefürchtet und verschmäht. Verschmäht, da die großen Gefühle dem traditionellen Konzept ehelicher Verbindungen basierend auf Vernunft zuwiderlaufen. Gefürchtet, weil die Liebe diese Kalküle durcheinander zu bringen vermag. Doch aus genau denselben Gründen auch verherrlicht und zelebriert - das begehrenswerte Unerreichbare, nach dem zu streben jeder trachtet. "Große Gefühle sind ein Störfaktor bei einer Heirat", sagt der Ethnologe Strohmenger. "Manche sehen das so als ob man betrunken ein Geschäft abschließen wollte."

Gefühle versus Vernunft. Wie ist das zusammenzuführen? "Das ist die Frage, die die Gesellschaft gerade beschäftigt", sagen Samuli Schielke, der finnische Ethnologe von der Berliner Forschungseinrichtung "Zentrum Moderner Orient" und sein Schweizer Kollege Aymon Kreil von der Universität Zürich, die ebenfalls seit Jahren die Liebe in Ägypten untersuchen. Eigentlich waren sie gekommen, um über religiöse Ideale im Alltag und Ethikfragen im Islam zu forschen, doch immer, wenn sie darüber mit ihren Gesprächspartnern diskutierten, kam die Rede früher oder später auf die Liebe. Und über die werde als etwas Übermenschliches gesprochen. "Da sowohl Beziehungen vor der Ehe als auch Liebesheiraten nur schwer zu realisieren sind, steigert sich die Imagination von Liebe in etwas für uns unvorstellbar Grandioses", weiß der Finne Schielke und erzählt von einem Dorfbewohner aus dem Nildelta, der eines Tages auf ihn zugekommen war, den Arm um seine Schulter legte und fragte: "Gibt es bei euch in Europa eigentlich auch Liebe wie bei uns?"

Im Land am Nil spricht die Liebe aber ihre eigene Sprache, für Ausländer noch schwieriger zu verstehen als für Ägypter selbst. Auch der 26-jährige Bankangestellte Ahmed Samir aus Kairo hat damit seine Probleme. Sara heißt das Mädchen seiner Träume. An einem Tag anschmiegsam, am anderen kalt und unnahbar. Über Monate, klagt er, ginge das schon. Irgendwann wurde es dem Bankangestellten zu viel. Er besorgte sich ein zweites Handy, dessen Rufnummer er in seinem eigenen Handy als ‚Sara‘ abspeicherte. Manchmal, erzählt er, wenn er die Zuneigung seiner Liebsten besonders brauche, sende er sich in ihrem Namen selbst eine romantische Kurznachricht zu. 1 new message from Sara. "Teurer Ahmed, du fehlst, dass es mich schmerzt."

"Tuql!", sagt Strohmenger, "das ist tuql". Der Ethnologe hat sich nicht nur mit dem Stellenwert der Liebe beschäftigt, auch mit deren strukturellen Eigenheiten. Und da spielt das uralte, besonders von Frauen praktizierte Täuschungsmanöver tuql eine zentrale Rolle. Tuql heißt "Schwere" und besteht darin, bei aller Verliebtheit dem werbenden Mann Desinteresse vorzutäuschen. Zum einen demonstriert eine Frau so sehr explizit, kein leichtes Mädchen zu sein, zum anderen testet sie das Visavis auf seine wahren Absichten und schließlich dient tuql auch dazu, das Begehren des Mannes zu steigern - was schwer zu haben ist, gewinnt an Wert.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-27 19:11:16
Letzte Änderung am 2014-02-28 11:25:16


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