• vom 22.06.2018, 13:17 Uhr

Wiener Journal

Update: 22.06.2018, 14:26 Uhr

Was bedeutet die Welt?




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Von Christian Hoffmann

  • Philosophie ist eine wissenschaftliche Disziplin, deren Geschichte fast 3000 Jahre zurückreicht. Ist ein so altehrwürdiges Fach in der computergesteuerten Moderne nicht längst überflüssig? Oder ist sie, wie Konrad Liessmann von der Universität Wien meint, wichtiger denn je?

Was bedeutet die Welt? - ©nj_musik - stock.adobe.com

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Konrad Paul Liessmann: "Philosophie steht heute hoch im Kurs."

Konrad Paul Liessmann: "Philosophie steht heute hoch im Kurs."
© Robert Newald Konrad Paul Liessmann: "Philosophie steht heute hoch im Kurs."
© Robert Newald

Man schrieb den März des Jahres 399 vor Christus, ein Datum, das fast 2500 Jahre zurückliegt. Auf einem öffentlichen Platz der Stadt Athen versammelten sich 501 Geschworene. Wenn man das Publikum dazu rechnet, das der Verhandlung beiwohnte, muss sich eine beachtliche Menschenmenge eingefunden haben. Vor Gericht stand nämlich Sokrates, 70 Jahre alt und stadtbekannter Philosoph. Die Anklage warf ihm zwei Vergehen vor: erstens eine verächtliche Haltung gegenüber den Göttern, die im Stadtstaat Athen verehrt wurden, und zweitens einen negativen Einfluss auf die Jugend.

Information

Buchtipps
Von Konrad Paul Liessmann sind im UTB-Verlag, Stuttgart, vier einführende Bände zu philosophischen Fragen erschienen: "Die großen Philosophen und ihre Probleme: Vorlesungen zur Einführung in die Philosophie", Auflage: 4, 2003. "Schönheit" (utb Profile, Band 3048, Taschenbuch, 2009. "Philosophie der modernen Kunst: Eine Einführung", 1999. "Ästhetische Empfindungen: Eine Einführung", 2008.

In seiner Verteidigungsrede wies Sokrates die Anklage in beiden Punkten zurück. Vor allem betonte er, dass die Debatten, die er mit jungen Leute auf dem Marktplatz von Athen führte, zu deren Entwicklung zu selbständig denkenden Bürgern beitrugen und dass der Staat geistige Unruhe-Stifter wie ihn dringend brauche.

Bis zu einem gewissen Grad schien ein Teil der Geschworenen für die Argumente des Philosophen zugänglich, denn das Urteil fiel knapp aus: Mit 281 gegen 220 Stimmen wurde Sokrates im Sinne der Anklage für schuldig befunden. Doch danach, als es um das Strafmaß ging, machte der Philosoph keinerlei Anstalten, um Gnade zu bitten, wie man es von anderen Verurteilten gewohnt war, sondern betonte stattdessen aufs Neue, dass er für sein philosophisches Tun nicht eine Verurteilung, sondern höchste Auszeichnungen verdient hätte. Nach dieser stolzen Rede schlug die Stimmung unter den Geschworenen um und bei der nächsten Abstimmung votierten 361 der 501 Geschworenen für die Todesstrafe.

Sokrates, der übrigens alle Angebote ausschlug, rechtzeitig vor Vollstreckung des Urteils aus Athen zu fliehen, war einer der frühen Vertreter einer geistigen Disziplin im alten Griechenland, die Philosophie genannt wurde, also wörtlich übersetzt "Liebe zur Weisheit". Ihre frühen Vertreter, die heute Vorsokratiker genannt werden, lassen sich bis ins Jahr 600 vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgen, zu dem Mathematiker Thales, der in der Stadt Milet an der Westküste der Türkei lebte. Nach heutigem Wissensstand war er der erste, der versuchte, eine für den Verstand schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Anfang aller Dinge zu suchen, eine Frage, die viele Jahrhunderte später zur Theorie des Urknalls führen sollte.

Befreiung des Denkens

Das Urteil gegen Sokrates unterstreicht, dass die Philosophen den Mächtigen immer wieder suspekt waren, zielte ihr Tun doch mit mehr oder weniger entwickelten Methoden darauf ab, das selbständige Denken vom Druck des Mythos und der Religion zu emanzipieren. Manche Historiker sind der Meinung, dass gerade das antike Griechenland mit seinen losen staatlichen Strukturen für die Entwicklung dieser merkwürdigen Wissenschaft, die bis in die Gegenwart besteht, das ideale Umfeld bot.

Seit damals sind allerdings schon fast 3000 Jahre vergangen, die Aufzeichnung der Gedanken, die sich in den Jahrhunderten nach Sokrates Philosophen verschiedener Zeitalter über die Welt und ihre Beschaffenheit gemacht haben, füllen riesige Bibliotheken. Inzwischen nehmen Maschinen den Menschen zunehmend nicht nur körperliche Arbeit, sondern auch geistige Tätigkeiten ab, und zu jedem Aspekt des modernen Daseins gibt es hochspezialisierte Einzelwissenschaften. Hat da ein archaisch anmutendes Fach wie Philosophie überhaupt noch eine Berechtigung?

"Selbstverständlich!", antwortet Konrad Paul Liessmann, Professor an der Universität Wien. An seinem Institut ist das steigende Interesse nicht zu übersehen: "Die Philosophie steht heute hoch im Kurs. Erstens besteht ihre Aufgabe darin, die Ergebnisse anderer Wissenschaften zu synthetisieren und zu integrieren. Zweitens können die anderen Disziplinen grundlegende Fragen wie die ethischen Dimensionen neuer wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen nicht von sich aus beantworten. Und drittens ist die Philosophie eine Deutungswissenschaft. Sie gibt eine Antwort auf die Frage, was die Erfahrungen, die wir in der Welt machen, bedeuten. Was bedeuten zum Beispiel die aktuellen Ergebnisse der Gehirnforschung? Was bedeutet die Digitalisierung des Lebens für das menschliche Dasein?"

Und was ist von dem Einwurf eines Technikers zu halten, der der Philosophie vorhält, in mehreren Jahrtausenden kein einziges ihrer Probleme endgültig gelöst zu haben? – Solche Bemerkungen könnten sogar einen Philosophen beinahe um seine Contenance bringen. "Technik und Naturwissenschaften lösen keine Probleme", erwidert Liessmann, "sondern schaffen sie. Ihnen verdanken wir schnellere Autos und hocheffiziente Atombomben. Vor allem in den technischen Disziplinen herrscht oft eine unglaubliche Ignoranz, ein völliger Mangel an Selbstreflexion." Und dann zählt er die wichtigen Errungenschaften im Reich des sozialen Lebens auf, zum Beispiel die Abschaffung der Sklaverei oder die Entwicklung der Demokratie. "Alle diese Fortschritte gehen auf philosophische Konzepte zurück. Keine Naturwissenschaft hat in diesem Sinne zur Befreiung der Menschheit beigetragen."

Träume der Androiden

Es gibt also in der Welt der Philosophie keinen Mangel an Selbstbewusstsein, auch nicht bei der jüngeren Generation. Karoline Paier und David Hoffmann studieren Philosophie im Hauptfach. Sie ist Studienassistentin am Institut für Philosophie der Universität Wien, er hat kürzlich seine Masterarbeit abgeschlossen. Das Thema seiner Arbeit zeigt übrigens, dass moderne Philosophen keineswegs, wie man vielleicht vermuten könnte, in vergangenheitsschweren Luftschlössern zu Hause sind. Es lautet: "Was es bedeutet (nicht) Mensch zu sein". Anhand des Films "Blade Runner" und der Romanvorlage von Philip K. Dick "Do Androids Dream of Electric Sheep?" wird die Frage der Beziehung des Menschen zu hochentwickelten maschinellen Systemen untersucht, die "anthropologische Differenz", um die es in dem Drama "Blade Runner" geht und die es ermöglicht, technische Imitationen von tatsächlichen Menschen zu unterscheiden.

Auch die Philosophiestudentin Karoline Paier, die knapp vor der Masterarbeit steht, lebt nicht im Elfenbeinturm raffinierter Abstraktionen, auch wenn ihre Neigungen mehr bei der Logik und der Wissenschaftstheorie liegen. Sie leitet zum Beispiel den Verein "Wiener Forum für analytische Philosophie", der sich mit Themen befasst, die auch außerhalb des engen Zirkels der akademischen Philosophie Aufmerksamkeit verdienen, etwa eine Konferenz zum Thema Demokratie und Rationalität.

Dass der Geist des Sokrates noch nicht erloschen ist, zeigt sich auch, wenn Karoline und David im Auftrag der "Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft" ausrücken, um mit Schulklassen Wittgensteins "Tractus Logico-Philosophicus" aus dem Jahr 1921 zu diskutieren. Zwischen dem Anfangssatz "Die Welt ist alles, was der Fall ist" und dem berühmten Schlusswort "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" ist jede Menge Raum für Debatten, in denen die Jugendlichen mit den erregenden Gedankenwirbeln der Philosophie in Berührung kommen können.

Der Geist des Sokrates im Wiener Kaffeehaus: David Hoffmann und Karoline Paier.

Der Geist des Sokrates im Wiener Kaffeehaus: David Hoffmann und Karoline Paier.© Tatjana Sternisa Der Geist des Sokrates im Wiener Kaffeehaus: David Hoffmann und Karoline Paier.© Tatjana Sternisa

Für David Hoffmann stand übrigens Wittgensteins "Tractatus" ganz am Beginn seiner Leidenschaft. Als er fünfzehn Jahre alt war, fiel ihm das Buch in der elterlichen Bibliothek in die Hände und damit der Satz "Die Welt ist alles, was der Fall ist", den er nicht verstand und dessen Bedeutung er irgendwann entschlüsseln musste. Von dort führte sein Leben über wenige Umwege zu einem Studium der Philosophie, eine Entscheidung, die er jederzeit wieder treffen würde, auch wenn er, um diesen Weg zu finanzieren, schon vielerlei Berufe ausüben musste, Bademeister, Beleuchter im Theater, Mitarbeiter einer PR-Agentur. Oder wie sagt Karoline Paier über die Entscheidung für ein Philosophiestudium? "Ich halte viel vom Mut zur Unsicherheit, denn oft weiß man im Vorfeld gar nicht, in welche spannenden Berufsfelder ein Philosophiestudium führen kann."

Konrad Liessmann ergänzt: "Ich würde nie jemandem abraten etwas zu studieren, was den Betreffenden wirklich interessiert." Als Voraussetzung für ein Studium der Philosophie sieht er die Lust an der Sprache und am Argumentieren, eine grundlegende Bildung von den Naturwissenschaften über die Mathematik zu kulturellen Bereichen. Außerdem sollte man sich darüber im Klaren sein, "dass Philosophie keine Disziplin ist, bei der es um Befindlichkeiten geht. Die Arbeit an philosophischen Texten kann sehr anstrengend sein, und es gehört eine gewisse Bereitschaft dazu, sich im Denken zu quälen."

Aufgrund des wachsenden Interesses an dem Fach Philosophie wurde an der Universität Wien übrigens auch der Universitätslehrgang "Philosophische Praxis" ins Leben gerufen, "ein postgraduales Weiterbildungsprogramm", bei dem es darum geht, "interessierten und motivierten Menschen die Teilnahme zu ermöglichen, auch wenn sie ein anspruchsvolles berufliches und familiäres Leben führen und/oder nicht in Wien und Umgebung leben".

Der Geist des Sokrates scheint also lebendig zu sein, wahrscheinlich überall dort, wo Menschen das Staunen über die Welt nicht verlernt haben, ein Staunen, das gegenwärtig wichtiger denn je ist und von dem Platon, der berühmte Schüler des Sokrates, sagt: "Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen."




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Dokument erstellt am 2018-06-22 13:19:37
Letzte Änderung am 2018-06-22 14:26:32


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