• vom 27.07.2018, 13:47 Uhr

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Update: 27.07.2018, 13:59 Uhr

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Macht Reisen Sinn?




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Von Elisabeth Hewson

  • Reisen bildet. Die Kenntnis ferner Länder weitet den Horizont. Weltenbürger sind aufgeschlossener. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen …

Sommerträume

Sommerträume© mishkom/getty Sommerträume© mishkom/getty

Die Frage ist, was er Reisende erzählt: Kommt darauf an, was er bereit ist, zu sehen. Ob Reisen wirklich bildet, den Horizont auch geistig erweitert oder einen zu einem empathischeren Menschen macht, ist keinesfalls erwiesen. Ob Ortswechsel, Umzug – vielleicht sogar in ein fremdes Land – jemanden deutlich verändert, ist fraglich. Und ob "Reisen im Kopf", das Lesen, das Kulturleben, die Musik oder das Theater das Denken wirklich beeinflussen, und wenn, in welche Richtung, lässt sich schwer fassen. Dass es verändert, wie jeder Eindruck von außen, ist klar. Interessant wird es bei der Frage nach dem Wie.

"Beim Wegfall von Stress und Druck, bei neuem Input, neuen Eindrücken kombiniert mit Leerlauf, auch durch Tagträume entsteht Kreativität: Probleme können aus anderen Blickwinkeln betrachtet und oft gelöst, belastende Anforderungen anders bewertet werden. Dieser entspannte Zustand ist nur leider meist nach spätestens zwei Wochen vorbei, deshalb empfehlen sich öftere Urlaube, möglichst dreimal im Jahr, sieben bis zehn Tage bringen bereits merkbare Erholung."

In früheren Zeiten, als sich Information aus fremden Ländern auf Berichte von Handlungsreisenden beschränkte, als Reisen meist Wallfahren bedeutete und der Bewegungsradius noch sehr klein war – Wikinger, Missionare, Forscher und Abenteurer ausgenommen –, als man sich zu Fuß zu den Olympischen Spielen aufmachte und später auf dem Jakobsweg seiner Sünden gedachte, war wohl das Interesse an den durchwanderten Gebieten auf das Durchwandern beschränkt. Aber es gab schon "Reiseliteratur", wie die Berichte des Herodot, der sich allerdings auch nur auf Erzählungen berufen konnte. Oder von Marco Polo, der als Handlungsreisender bis nach China gekommen sein will – ob echt oder nur in seiner Phantasie ist nicht geklärt. Aber wer konnte schon lesen? Oder sich Geschriebenes oder später Gedrucktes leisten? Die ersten waren sicher Phantasiereisen, aber die setzten sich aus Dingen zusammen, die man ohnehin schon kannte: Monster waren vergrößerte, seltsam kombinierte Tiere, Landschaften dem Bekannten entnommen. Die Berge standen dann halt auf dem Kopf, Bäume wuchsen mit den Wurzeln nach oben und die Menschen trugen den Kopf unter dem Arm oder redeten mit dem Bauchnabel.
Die sogenannten Bildungsreisen oder Cavaliersreisen durch Mitteleuropa, Spanien, Italien und manchmal bis ins Heilige Land begannen bereits im 16. Jahrhundert, als europäische Adelige und später auch wohlhabende Bürger ihre Söhne auf die "Grand Tour" schickten, um ihnen den letzten Schliff zu geben, ihre Bildung durch Selbsterlebtes zu vertiefen: Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance waren zu besichtigen, fremde Kulturen und Sitten zu beobachten und Sprachkenntnisse zu sammeln. Vor allem in England legte man großen Wert auf diese Art der Erwachsenenbildung. Man ließ sich von berühmten französischen oder italienischen Fechtmeistern unterrichten, sammelte erotische Erfahrungen und knüpfte neue Freundschaften, netzwerkte also eifrig – denn nicht das wertfreie Verständnis, sondern der (letztlich doch gesellschaftliche oder geldliche) Prestige-Nutzen, den man aus diesen Kenntnissen ziehen konnte, war meist das eigentliche Motiv: Man nahm seine eigene Welt in riesigen Überseekoffern mit und ließ sich in der Ferne gerne so bedienen, wie man es von zu Hause gewohnt war. Das Reiseland und seine Bewohner wurden als pittoreske Kulisse benützt, über die man zu Hause dann in eleganter Konversation amüsiert erzählen konnte. Durchaus vergleichbar mit dem schnitzelessenden Urlauber in Caorle, oder dem Ballermann-Besucher auf Mallorca, der dort seinen Biergarten erwartet.

"Ist die Belastung durch Langzeitstress, der in Burnout münden kann, unterbrochen, geht der chronisch erhöhte Cortisolspiegel zwar zurück, der das Gedächtnis, das Immunsystem und den Blutdruck ungünstig beeinflusst. Aber Verhaltensänderungen in einer Auszeit, während eines Urlaubes nützen wenig, wenn sie wieder in das alte Fahrwasser münden. Hilfreich sind allerdings Bilder, Erinnerungen, die man in den Alltag mitbringt, und die auf das Gehirn wirken können wie ein Kurzurlaub."

Was Eindruck hinterließ, abgesehen von Rohstoffen, Sklavenhandel und Kolonialisierung, war recht oberflächlich: Türkische Mode wurde modern, wie auch orientalisches Innendekor, asiatische Architektur und Gartengestaltung. Man fläzte sich in üppigen Pölstern, einen Fez auf dem Kopf und eine Wasserpfeife lässig an den Lippen. Damen kleideten sich römisch oder türkisch, kokettierten hinter asiatischen Fächern im kimonoartigen Schlafmantel und plauschten bei Tee aus chinesischem Porzellan. Man liebte Geschichten aus fernen Ländern, von 1001 Nacht bis zu Oscar Wildes Märchen oder Wilhelm Hauffs Erzählungen, aber die hatten immer noch mehr mit der Phantasie als mit der Realität dieser Länder zu tun.
Auch die Rückkehrer aus den Kolonien, die dort ihr heimatliches Leben so gut wie möglich weiterführten, brachten nur selten Verständnis für das ausgebeutete Land mit, eher Klagen über Faulheit, lästiges Getier und die vielen, der anderen Kultur geschuldeten, Unbequemlichkeiten, oft als Dummheit interpretiert.

"Menschen, die sich in ihrem Urlaub kreativ betätigen, die Töpfer-, Mal-, Dichter-, Schauspielkurse oder was auch immer besuchen, trainieren die Verbindung von rechter (kreativer) und linker (rationaler) Gehirnhälfte, machen sich Sehnsüchte bewusst, trainieren Tagträumen. "Querdenken" und damit neue Gehirnareale, die beim Lösen von Aufgaben im Alltag helfen können."

Die Romantik brachte auch die einfacheren Menschen hinaus in die Natur. Man spürte eine Sehnsucht "nach dem Unendlichen", das zwar in weiter Ferne liegen musste, aber schon einmal ein wenig in den Bergen, an Seen oder am Meer gestillt werden konnte. Doch immer noch war man nicht wirklich am Fremden interessiert, man wollte dort, Richtung Horizont, sich selbst finden – eine Idee, die ja heute in unzähligen abgeschotteten Wellnessoasen wieder auflebt. Auch die Gesundheit war ein Reisethema – aber wieder ein Ich-bezogenes. Man war zwar bereit zu lernen, was einem guttut, die Bäder, die Trinkkuren, die Massagen oder Schwitzhäuser, aber zu sehr eingehen in die Traditionen, aus denen das kam, wollte man nicht wirklich. Ob also diese Behandlungen, abgesehen vom Wohlbefinden und vielleicht einem interessanten Flirt (Kurschatten) oder gar einer passenden ehelichen Verbindung, den Menschen verändert haben?

"Der Drang nach dem Süden ist leicht erklärlich: Lichtmangel kann depressiv machen, fördert die Bildung von Melatonin (macht schläfrig), hindert die Verbreitung von Serotonin (Glückshormon, macht aktiv und lebendig) im ganzen Körper. Im Sonnen-Urlaub tankt man also ein wenig Glück."

Wie wenig oft übrigbleibt vom Kontakt mit fremden Ländern und Sitten, zeigt das Beispiel "Fremdarbeiter", wie es früher hieß. War man in Griechenland oder Italien, war man stolz darauf, wenn einen der Trattoria-Besitzer kannte oder der Tavernen-Ober grüßte. Zurück zu Hause nannte man dieselben Italiener, die hier Arbeit suchten, "Katzelmacher"; oder den Griechen unfreundlich einen "Gastarbeiter." Außer ein paar Vokabeln, meist "Prost" und "Danke", scheint die Masse der Urlauber nur wenig Fremdes an sich heranzulassen.
Wie Menschen damit umgehen, wenn sie für längere Zeit in ein anderes Land ziehen, kann sich diametral verschieden auswirken. Die einen wollen 200 Prozent einheimisch werden, kleiden sich in Lederhosen oder wallende Gewänder und versuchen sich im Dialekt der Umgebung, drängen sich Nachbarn auf und in ihr Leben hinein; andere wieder beharren auf Brezel und Knödel und leben in Ghettos, in denen sie ihr Ursprungsland wiederfinden.
Noch eine Gattung gibt es, die Weltverbesserer, die ihre eigene Kultur als die einzige richtige sehen, und alle anderen, diese armen, ahnungslosen Völker, davon überzeugen wollen. Oft gut gemeint, aber das ist nicht selten das Gegenteil von gut. Einst waren es Missionare, die den armen Heiden das Paradies bringen wollten, frei nach Herbert Achternbusch, der über Bayern sagte: "Dieses Land hat mich kaputt gemacht und ich bleibe so lange, bis man es ihm ansieht!" Heute sind es manchmal gerade Entwicklungshelfer, die Land und Gebräuche einfach nicht verstehen und daher vieles falsch machen.
Aber zurück zum Urlaub, dieser "Freiheit auf Zeit", wie Philosoph Peter Vollbrecht ihn nennt. Er sieht das Reisen, vor allem den Massentourismus, als Ventil für Frustrationen: Man bucht sich in All-inclusive-Ghettos ein, "...wo der Tourist wie im Paradies schwelgen kann, wo er endlich für eine gewisse Zeit einmal das tun kann, was ihm im normalen Leben versperrt bleibt: grenzenlos konsumieren, sein gesellschaftliches Elend vergessen und sich in einer fiktiven Welt sonnen."

"Das Gefühl im Alltag, nicht selbstbestimmt zu sein, zermürbt. Im Urlaub kann man selbst entscheiden, Salutogenese, die Entstehung innerer Harmonie und Gesundheit, das Empfinden, das eigene Leben gestalten zu können, das Gefühl des Wohlbefindens stellt sich ein: Das Leben ist, wenn auch nur für kurze Zeit, sinnhaft, durchschaubar und beeinflussbar."

Anders verhält es sich, wenn man statt Pauschalreisen zu buchen individuelle Pläne schmiedet, Orte auf eigene Faust erkundet, sich dem Alltag des bereisten Landes aussetzt. Aber dazu braucht es Zeit und Bereitschaft zum Abenteuer. Der Portugiese Fernando Pessoa, kein sehr abenteuerlustiger Mann, sagte einmal, Existieren sei schon Reisen genug, man müsse sich den Sonnenuntergang nicht in Konstantinopel ansehen. Und Blaise Pascal, Physiker, Mathematiker und Philosoph, ging noch weiter: "Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen!"
Dazu Vollbrecht: "Das ist der seelische Wohlstand des Poeten, des Philosophen. Wir anderen müssen vielleicht unsere seelischen Reichtümer durch äußere Ereignisse entdecken lernen. Schließlich geht es ja nicht nur um Sonnenuntergänge, sondern etwa auch um einen Tee in einer durchräucherten Teestube am Bosporus."
Aber auch die individuelle Reise braucht die Qualität und nicht die Quantität, um seelisch nachhaltig zu sein. Das wahre Reisen, das die Sicht auf Dinge verändert, "...braucht immer eine Verschmelzung zwischen dem, was ich sehe, und dem, was meine Seele überhaupt aufnehmen kann." Wenn man zu viel sieht, wird die Reise zu einem Erinnerungsbrei. Wenn man die besuchte Umwelt wirklich in sich einströmen lässt, dann ist man auch mit dem Kopf angekommen und nimmt sich Neues mit nach Hause, eine bunte Welt, die Vieles an heimischen Problemen relativiert: das beste Souvenir, das man mitbringen kann.

"Man kann lernen, gut zu urlauben: übertriebene Leistungssituationen vermeiden, keine strikten Vorgaben, keine genauen Vorstellungen mitbringen, die Enttäuschungen geradezu vorprogrammieren; eingefahrene Muster aufbrechen, Dinge, die einem passieren, offen und möglichst gelassen bewerten; und sehr bewusst Bilder sammeln, die man im Alltag für einen inneren Kurzurlaub abrufen kann."





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Dokument erstellt am 2018-07-27 13:56:27
Letzte Änderung am 2018-07-27 13:59:45


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